Mittwoch, 6. August 2014, 23:33h

Auf Entwicklungsprozesse bauen

behrens

Worauf kommt es an, wenn Konzepte entwickelt werden, mit denen Menschen geholfen werden soll, die einen besonderen Hilfebedarf haben? Geht es darum, möglichst schnell ein Defizit auszugleichen, oder steht es im Vordergrund, eine Entwicklung zu fördern? So unterschiedlich, wie die zugrunde liegenden Problemlagen sind, so unterschiedlich sind auch die Hilfsangebote.

Professionelle Hilfe kann auf der Basis von Akzeptanz erfolgen oder auf der Basis von Intervention. Beispielsweise fällt die akzeptierende Drogenarbeit in die erste Kategorie, denn es werden zwar Hilfsangebote wie Kleiderkammer, Schlafplatz, Spritzentausch etc angeboten, aber die Inanspruchnahme erfolgt grundsätzlich auf freiwilliger Basis und mit der Richtlinie, das Klientel nicht zum Entzug zu drängen. Die Familienhilfe hingegen stellt ein Beispiel dafür dar, die Inanspruchnahme nicht immer freiwillig ist, sondern als Auflage erfolgen kann, wie es z.B. der Fall ist, wenn es um die Gefährdung des Kindeswohls geht. Allerdings gibt es wiederum sowohl in der Arbeit mit Drogenabhängigen als auch in der Familienhilfe durchaus Bereiche, in denen auch andere Zielformulierungen handlungsbestimmend sind. Beispielsweise kann die Teilnahme an einer Drogentherapie sehr wohl mit klaren Verpflichtungen verbunden sein und auf der anderen Seite können auch familientherapeutische Hilfsangebote wie beispielsweise eine Erziehungsberatung auf völlig freiwilliger Basis erfolgen.

Wie sieht es denn nun eigentlich im Bereich der rechtlichen Betreuung aus? Hier gibt es ganz eindeutig Maßnahmen, die gegen den Willen des Betreuten durchgeführt werden können. Geldeinteilung, Veranlassung einer stationären Behandlung, Einweisung in ein Heim – all dies sind Maßnahmen, die auch ohne Einwilligung des Betreuten veranlasst werden können. Ohne hier jetzt das Für und Wider zu thematisieren, darf bei der Problematik nie vergessen werden, dass die Priorität immer bei der Ermöglichung von Entwicklungsprozessen liegen sollte. Auch ein Mensch, der nach objektiven Gesichtspunkten kaum noch in der Lage ist, selbständig in seiner Wohnung zu wohnen, sollte zuerst einmal behutsam an Alternativen herangeführt werden. Dies beginnt mit Gesprächen und kann auch den gemeinsamen Besuch einer Einrichtung des betreuten Wohnens oder eines Heimes bedeuten. Viele Betreute sind durchaus ambivalent in ihren Wünschen und sehen sehr wohl, dass die Aufgabe der eigenen Wohnung zwar schwer ist, aber nicht nur Nachteile mit sich bringt.

Ich erinnere mich an eine Fachtagung vor ein paar Jahren, an der neben Betreuern auch Betroffene teilnahmen. Als es um das Thema der Veranlassung einer geschlossenen Unterbringung ging – besser bekannt unter dem Begriff Zwangseinweisung – meldete sich der Vorsitzende des Vereins der Psychiatrieerfahrenen zu Wort und kritisierte die häufige Tendenz, auf psychotische Schübe vorschnell mit der Maßnahme einer stationären psychiatrischen Behandlung zu reagieren. Daraufhin meldete sich ein Betreuer zu Wort, der schilderte, dass er keineswegs auf psychotische Schübe oder psychische Krisen grundsätzlich mit der Veranlassung der stationären Unterbringung reagiert, sondern in solchen Situationen mit dem betreffenden Betreuten immer wieder Gespräche führt und dabei versucht, durch Einsicht die freiwillige Bereitschaft zur einer entsprechenden Behandlung zu erreichen. Nur wenn dies keinen Erfolg hat und Eigengefährdung droht, greift er zu dem Mittel der Veranlassung einer geschlossenen Unterbringung.

Die Schilderung dieses Betreuers stellt ein positives Beispiel dar für ein Vorgehen, das dem Betreuten ermöglicht, an Entscheidungen teilzuhaben. Denn abgesehen davon, dass eine gegen den Willen des Betreuten vorgenommene Maßnahme immer entwürdigend und demütigend ist, werden damit auch jegliche Entwicklungsprozesse im Keim erstickt und zunichte gemacht.

Dennoch darf nicht verschwiegen werden, dass es sehr viele Fälle gibt, in denen Menschen auch gegen ihren Willen eingewiesen werden müssen, weil nur dadurch Schaden an ihnen selbst oder an anderen abgewendet werden kann. Aber dennoch gibt es genug Situationen, in denen es möglich ist andere Wege zu gehen, die weniger rigoros sind. Allerdings setzt dies die Bereitschaft voraus, dem anderen die Zeit zu ermöglichen, die sein individueller Entwicklungsprozess erfordert. Und dies ist das zentrale Thema im Umgang mit Menschen – jedem das ihm eigene Tempo zuzugestehen. Der Kontext für dieses Thema ist beliebig erweiterbar, es muss nicht gleich um eine Zwangseinweisung gehen, sondern es kann sich auch um die Form der Geldeinteilung, um die Art zu Wohnen oder um Umgang mit anderen Menschen handeln.

Auf Entwicklungsprozesse bauen anstatt Entscheidungen anzuordnen – zwei völlig konträre Lebensphilosophien mit einem ebenso konträrem Menschenbild. Wer daran glaubt, dass Menschen entwicklungsfähig sind, wird nicht die zeitsparende lösungsorientierte Entscheidung in den Vordergrund stellen, sondern die Entwicklung der Fähigkeit der Eigenverantwortlichkeit des Betreuten. Dies ist nichts für Menschen mit einer autoritären Persönlichkeitsstruktur. Und auch nichts für Menschen, die damit überfordert sind, sich in die Position des Abwartens und des Gewährenlassens zu begeben.

Das, was letztendlich entscheidend dafür ist, ob Entwicklungsprozesse zugelassen oder blockiert werden, ist zum einen die Bereitschaft, Zeit in einen Menschen zu investieren und zum anderen die Einsicht, dass die eigene Sichtweise nicht unfehlbar ist. Und letztendlich geht es auch um die klare Absage an das Bedürfnis, über andere Menschen bestimmen zu wollen. Zugegeben - einfach ist dieser Weg nicht und leider auch nicht immer von Erfolg gekrönt. Aber er stellt dennoch die einzige Chance dar, die Fremdbestimmung von Menschen so gering wie möglich zu halten.

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Montag, 18. März 2013, 07:53h

Eine Reform ist so gut oder so schlecht, wie das Maß, in dem sie sich ihren Schwachstellen stellt

behrens

Kann man die, ich sag mal, unschönen Vorkommnisse nicht irgendwie aus dem Artikel zensieren? Das interessiert doch heute niemanden mehr*.

In gewisser Weise hat es mich beruhigt, dass nicht nur mir gegenüber so ein fragwürdiger Einwand gemacht wird.

Noch mehr hat mich aber die Antwort auf diesen zweifelhaften Vorschlag beruhigt. Kurz und bündig, denn man muss es eigentlich gar nicht begründen, warum man „unschöne“ Ereignisse nicht zensieren will :

Sag mal, aber sonst geht es dir gut, oder? Zensier doch bitte vor deiner eigenen Türe. Danke!*

Um wenn es ging? Nein, nicht um mich, sondern um Jorge Mario Bergoglio, der im Verdacht steht, durch Denunziation für die Entführung von Franz Jalics Anfang der 70er Jahre verantwortlich zu sein.

So etwas passt natürlich überhaupt zu einem Image, das Vertrauen erwecken und Optimismus ausstrahlen soll. Und weil dies so ist, kommen manche Menschen allen Ernstes auf die unselige Idee, die ganzen „unschönen“ Dinge einfach totzuschweigen. Ein fataler Rückschluss, denn alles, was nicht aufgearbeitet wird, wuchert wie ein Krebsgeschwür, das jede Chance auf eine wirkliche Reform von vorneherein zunichte macht.

Auf das Naheliegendste kommt niemand – sich endlich mal zu den Fehlern der Vergangenheit zu bekennen. Der einzig mögliche Weg für einen Neuanfang und eine Reform. Um aus Fehlern zu lernen, muss man sie zuerst einmal offen ansprechen. Dann kann es nur noch besser werden. (Das könnte man übrigens sogar überprüfen, indem man einfach mal einen Blick in Geschichtsbücher wirft…).

Ganz bewusst poste ich dies hier im Betreuerblog...

*Diskussionsseite auf Wikipedia zu Franziskus I

@Sturmfrau, vielen Dank für den Tipp!

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Dienstag, 20. November 2012, 23:55h

Marie de Hennezel „Den Tod erleben“

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Vor kurzem habe ich zum zweiten Mal das Buch der Französin Marie de Hennezel „Den Tod erleben“ gelesen, das von der Arbeit auf einer französischen Palliativstation handelt.

Ich habe ein sehr persönliches Verhältnis zu diesem Buch, denn mir wurde es vor 16 Jahren in Frankreich von der Mutter eines todkranken Bekannten geschenkt. Bei dem Bekannten handelte es sich um den Freund meines Freundes, der im Alter von 35 Jahren an Aids verstarb. Als der Freund schwer erkrankte und gepflegt werden musste, lebte ich gerade in Frankreich und da ich nicht arbeitete, besuchte ich Eric mehrmals die Woche und freundete mich dabei mit seiner Mutter an. Fast noch schwerer als das Miterleben des Sterbens eines Menschen ist es, die Verzweiflung eines Angehörigen mitzuerleben.

Erics Mutter schenkte mir das Buch Marie de Hennezels, weil sie es in ihrer schweren Situation als sehr hilfreich und tröstend empfand. Ich hatte zwar so meine Schwierigkeiten mit dem Buch, da mein Französisch nicht perfekt ist, aber das Meiste konnte ich verstehen. Eine junge Hospizmitarbeitern, die Eric regelmäßig besuchte, sagte, dass sie bei Lesen des Buches oft weinen musste. Und jetzt habe ich mir also die deutsche Fassung des Buches besorgt und es nochmals gelesen. Es sind tief bewegende Schilderungen der einzelnen individuellen Schicksale der Todkranken. Man kann die ungefähr zwanzig verschiedenen Schicksale hier nicht zusammenfassen. Was alle vereint, ist jedoch die enorme Empathie, die von Seiten der Hospizmitarbeiter entgegengebracht wird. Dieses immer ganz individuelle Eingehen auf die vielen völlig unterschiedlichen Lebensgeschichten.

Gestern sah ich eine Diskussion zum Thema Sterbehilfe, bei der sich die Positionen der Befürworter und der Gegner sehr unversöhnlich gegenüberstanden. Ein Kapuzinermönch wurde fast schon ausfallend gegenüber einem Ehemann, der dem Todeswunsch seiner Frau zugestimmt hatte. Außerdem Argumente wie „Man müsse den Todkranken helfen, wieder zu seiner Kraftquelle zu finden oder ““Sterbehilfe ist die Bankrotterklärung der menschlichen Beziehungen“. Auf der anderen Seite ein Arzt, der durch die Lande reist und Menschen mit Todeswunsch beim Suizid hilft und dafür kämpft, dass dies nicht mehr strafrechtlich verfolgt wird. Was mir bei beiden Positionen fehlt, ist der Respekt vor der Individualität des Menschen. Man wird schwerlich einem todkranken Menschen zu seiner Kraftquelle verhelfen können, wenn dieser an die Existenz einer solchen Kraftquelle schlichtweg nicht glaubt. Und man wird einem Sterbewilligen nicht gerecht, wenn man nicht alles versucht, um demjenigen ein Höchstmaß an seelischem Beistand zu geben. Es spricht für sich, dass die Suizidrate in Palliativstationen die kleinste überhaupt ist. Offensichtlich vermag es die große individuelle menschliche Zuwendung, dem Menschen seine Qual und seine Angst vor dem Tod zu nehmen.

Ich möchte hier eine Stelle aus dem Buch Marie de Hennezels zitieren, in der es um die Situation geht, in der ein schwerkranker naher Freund von ihr Beistand erbat, für den Fall, dass er sich zu einem Suizid entschließen sollte: „Ich verlange nicht, dass man mir hilft, Selbstmord zu begehen. Ich brauche keinen Mittäter und will auch nicht, dass man meine Tat gutheißt. Ich frage mich nur, warum es nicht möglich sein soll, dass jemand als stiller Zeuge an meiner Seite ist, damit ich nicht alleine bin. Jemand, der einfach nur in meiner Nähe wäre, ohne etwas für mich tun zu müssen; der nicht versuchen würde, mich von meiner Entscheidung abzuhalten; der mir keine alternativen Perspektiven für die Zukunft vorschlagen würde. Jemand, der einfach nur da ist, damit ich nicht allein sterben muss.

Bei der Antwort, die ihm Marie de Hennezel daraufhin gab, muss man sich vor Augen halten, dass sie sich voll und ganz für Sterbebegleitung engagiert und nicht für Sterbehilfe. „In dem Chaos der Gefühle und Gedanken, das diese ungewöhnliche Bitte in mir auslöste, erahnte ich, welche menschliche Größe jenem tatenlosen Zeugen abverlangt werden würde. Man müsste sich von allem lösen, um ihn – bei diesem für mich absurden Akt – zu begleiten. Es war aber seine Vorstellung von einem würdevollen Tod. Ich war bestürzt und sagte ja. Ja, da du mich darum bittest. Obwohl ich das, was du vorhast, absolut missbillige, werde ich da sein, damit du nicht allein bist und bis zum Ende weißt, dass du geliebt wirst.

Ich glaube, dass sich jemand sehr glücklich schätzen kann, mit so jemanden befreundet zu sein. Ein Mensch, der mit ganzem Herzblut die sehr schwierige Aufgabe der Sterbehilfe erfüllt und der trotzdem bereit wäre, gegen seine Überzeugung diesen Liebesdienst – und anders kann ich diese Hilfeleistung nicht nennen – zu übernehmen. Und es berührt, dass der schwerkranke Freund schon einige Zeit später nicht mehr von einem Suizid sprach, sondern sagte, dass allein die Vorstellung, eine Freundin zu haben, die ihn in seinem Todeswunsch nicht allein lassen würde, die Angst vorm Sterben genommen hätte.

Und das ist es, was jenseits von ideologisch verhärteten Standpunkten den Respekt vor der menschlichen Individualität ausmacht. Der kompromisslose Einsatz für das Leben des Anderen, der trotzdem oder gerade deswegen die Sterbehilfe nicht ausschließt. Allerdings nur als Ultima Ratio und nicht als von vorneherein beliebig stehende Option. Man darf einen Menschen, der nicht den Mut hat, ein qualvolles Sterben auf sich zu nehmen, nicht allein lassen. Aber das Nichtalleinlassen darf nicht erst bei dem Sterbewunsch eintreten, sondern jeder Mensch muss diese Zuwendung schon zuvor erfahren. Dann – und nur dann – kann man wirklich von einer freien Wahl sprechen.

Und wie schon einmal schließe ich mit Rilke: „O Herr, gib jedem seinen eigenen Tod“.

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Mittwoch, 21. Dezember 2011, 12:01h

Die Falle des Tu-quoque

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Durch Zufall bin ich beim Lesen über die Argumente der Kritik an den Nürnberger Prozessen auf den Begriff des Tu-quoque-Arguments gestoßen, von dem ich bisher noch nie gehört hatte. Tu-quoque- heißt wörtlich übersetzt „Du auch“ und beruht auf der Ansicht, dass man einen Vorwurf von jemanden durch einen Vergleich mit dessen Verhalten zurückweisen kann. Bei den Nürnberger Prozessen wurde beispielsweise von den Verteidigern versucht, den Anklagepunkt des Angriffskriegs damit zu entkräften, dass auch die Alliierten schon Angriffskriege geführt haben. Das Tu-quoque-Argument wird als logischer Fehlschluss angesehen. Im Bereich der Justiz bildet diese Einschätzung eine Grundlage, denn – wie mir mein juristischer Kollege ausführlich erklärte – kann Unrecht natürlich nicht dadurch Straffreiheit erlagen, dass der Kläger ebenfalls Unrecht begangen hat.

Wird das Tu-quoque-Argument aber auch im Alltagsleben als logischer Fehlschluss angesehen? Meiner Meinung nach fast nie, denn das „Du auch“ ersetzt in vielen Diskussionen die argumentative Auseinandersetzung. Was mir wiederum auch nicht völlig abwegig vorkommt, wenn man sich einfach einmal irgendeinen beliebigen der vielen alltäglichen Streitpunkte herausfischt. Nehmen wir einfach mal jemanden, der seinem Gesprächspartner vorwirft, dass er ständig anderen ins Wort fällt und dieser Vorwurf wird ausgerechnet von jemanden erhoben, der selbst auch anderen dauernd ins Wort fällt. Dann gibt es eigentlich kaum ein näherliegendes Argument als das des Tu-quoque. Oder etwa nicht?

Ja und Nein. Auch wenn jemand das Recht hat, bei Kritik an eigenem Fehlverhalten darauf hinzuweisen, dass dieses Fehlverhalten auch bei dem Kritiker vorhanden ist, so bleibt es dennoch ein Fehlverhalten. Und genau dieser Punkt wird bei der Tu-quoque-Argumentation übersprungen. Beide Gesprächspartner werden – folgt man bei dem Beispiel der Tu-quoque-Logik – bis ans Ende ihrer Tage anderen ins Wort fallen und bei der leisesten Kritik darauf hinweisen, dass es ja auch andere gibt, die ins Wort fallen. Die Gelegenheit, das eigene Diskussionsverhalten zu verbessern und dadurch auch die Möglichkeit zu schaffen, produktiver und sinnvoller zu diskutieren, wird mit Hinweis auf „Tu-quoque“ verschenkt. Tu-quoque ist eine rhetorische Sackgasse, in der sich die Gesprächspartner ihr Fehlverhalten wie Ping-Pong-Bälle um die Ohren hauen. Und manchmal erinnert es an das Gezanke von Kleinkindern im Sandkasten wo der Satz „Du bist doof“ beantwortet wird mit dem Satz „Du bist selber doof“.

Je mehr man in die Sichtweise der Tu-quoque-Argumention eindringt, desto mehr wird deutlich, welche Falle sich in diesem Schema verbirgt. Denn man verschenkt nicht nur die Möglichkeit einer Auseinandersetzung, sondern man verhindert sie auch rigoros. Und nicht nur das – man kann sich perfekt vor Verantwortung schützen, denn man kann sich mit Tu-quoque sogar selbst ausbremsen, in dem man das Tu-quoque in ein „Ego-quoque“ wandelt. Dies sieht dann so aus, dass man sich in einer Situation, in der man Zeuge eines schädigenden Verhaltens wird, der Anforderung eines Eingreifens argumentativ dadurch entzieht, dass man selbst ja auch nicht fehlerfrei ist. Man hat somit ja gar nicht die Berechtigung, anderen ihr Fehlverhalten vorzuwerfen. Um dies mit einem praktischen Beispiel zu erläutern: in der Situation, in der jemand bemerkt, dass jemand einen anderen Menschen schadet, indem er ihn etwa beleidigt, ausnutzt oder täuscht, gibt es nach dem Ego-quoque-Prinzip nicht die geringste Verpflichtung, einzugreifen – weil man selbst ja auch moralische Schwächen hat. Wer ist nicht schon mal schwarzgefahren, hat in der Schule abgeschrieben oder hat vielleicht in der Pubertät eine Telefonzelle demoliert? Und weil man sich eben selbst auch schon etwas zuschulden kommen lassen hat, kann man getrost zu allem Ja und Amen sagen.

Abgesehen von allem Für und Wider in Bezug auf Tu-quoque bleibt es selbstverständlich eine Pflicht, das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen. Dazu muss man gar nicht auf lateinische Sprichwörter ausweichen, sondern das volkstümliche „Sich an die eigene Nase fassen“ bringt es auch sehr treffend auf den Punkt. Natürlich sollte man immer darüber nachdenken, ob die Vorwürfe, die man anderen macht, nicht auch bei der eigenen Person begründet sein könnten. Aber es wäre fatal, wenn dies dazu führen würde, dass überhaupt niemand mehr Kritik äußert.

Das Tu-quoque-Prinzip findet man überall, so auch unter uns Betreuern. Als ich darüber las, wurde ich sofort an meinen früheren Kollegen erinnert, der jede Stellungnahme vermeidet, indem er das „Tu-quoque“ wie ein Schutzschild vor sich herschiebt. Und der Kollege hat sogar noch eine weitere Abwandlung des Tu-quoque erfunden, nämlich die des „Ille-quoque“. Die Ille-quoque – also die „Er auch“ Argumentation – benutzte er, als wir im Rahmen unserer Arbeit Zeugen wurden, wie es zu einer heftigen Übervorteilung eines Betreuten kam. Auf meine Kritik an unserem Nicht-Eingreifen konterte der Kollege damit, dass der Betreute in der Vergangenheit „ja auch schon mal“ kriminelle Aktivitäten gezeigt hatte. Würde man dieser seltsamen Argumentation konsequent folgen, käme dies einem Verbot jeglicher Strafverteidigung gleich, denn wer eine Straftat begangen hat, hat damit das Recht auf eine Verteidigung verwirkt.

Tu-quoque mag auf den ersten Blick aussehen wie ein Argument. Aber schon beim zweiten Blick entpuppt sich das Tu-quoque als perfekte Tarnung um sich gekonnt vor Konfrontation und der damit verbundenen unbequemen Pflicht zum Handeln zu drücken. Und durch die Kombination mit dem Ego-quoque wird das Ganze dann letztendlich auch noch in etwas durch und durch Positives gewandelt – denn was ist schließlich rühmlicher, als der Hinweis auf die eigene Fehlbarkeit?

Ich bin leider des Lateinischen nicht mächtig und habe mir das „Ego-quoque“ und das „Ille-quoque“ konstruiert in der Hoffnung, dass es so richtig ist.

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Sonntag, 22. Mai 2011, 23:16h

Krämerseele

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Man darf sich nicht täuschen. Das, was man vorfindet in der Tiefe der Seele eines scheinbar weltgewandten Geschäftsmannes, ausgestattet mit Laptop, Chefschreibtisch und perfekt durchorganisiertem Terminablauf, ist letztendlich meist nichts anderes als eine kleingeistige Krämerseele. Eine aufs Rechnen beschränkte Seele, der jegliche kulturellen und sozialen Werte abhanden gekommen sind.

Und so manches in Geldanlagen perfekt jonglierende Finanzgenie stellt sich bei näherer Betrachtung als nichts anderes als ein biederer Erbsenzähler heraus, dessen Leben fernab von allem, was an Buntheit und Vielfalt vorhanden ist, beschränkt ist auf die Welt der Zinsrechnung und der Immobilienpreise. Bei ihm gewinnt der Begriff der Kleinkariertheit anschauliche Bedeutung, denn der offene und weite Blick ist dem Erbsenzähler fremd, da er die Welt durch ein aus vielen kleinen Karos bestehendes Raster sieht, das auf Zahlenwerte begrenzt ist.

Der Horizont der Krämerseele und des Erbsenzählers endet dort, wo die menschliche Vielfalt der Beziehungen anfängt. Dort, wo es um den schöpferischen, mitmenschlichen, tiefgründigen, künstlerischen und nachdenklichen Bereich der menschlichen Existenz geht, wird man seinesgleichen vergeblich suchen.

Würde die Krämerseele nicht soviel Schaden anrichten, dann müsste man statt Verachtung eher Mitleid mit ihrer kläglichen Begrenztheit haben.

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Mittwoch, 27. Oktober 2010, 12:02h

Hans Jonas: Furcht, Hoffnung und Verantwortung

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Hoffnung ist eine Bedingung jeden Handelns, da es voraussetzt, etwas ausrichten zu können, und darauf setzt, es in diesem Fall zu tun…Aber dass schon das unmittelbare Gelungene und erst recht sein Weiterwirken im unabsehbaren Fluss der Dinge wirklich das dann noch Erwünschte sein wird, das kann bei allem, was das Handeln sich selbst zutraut, immer nur eine Hoffnung sein. Immer muss der Wissende darauf vorbereitet sein, später einmal wünschen zu müssen, er hätte nicht oder anders gehandelt.

Verantwortung ist die als Pflicht anerkannte Sorge um ein anderes Sein, die bei Bedrohung seiner Verletzlichkeit zur „Besorgnis“ wird. Als Potential aber steckt die Furcht schon in der ursprünglichen Frage, mit der man sich jede aktive Verantwortung beginnend vorstellen kann: was wird ihm zustoßen, wenn ich mich seiner nicht annehme? …Fürchten wird selbst zu ersten präliminaren Pflicht einer Ethik geschichtlicher Verantwortung werden. Begründete Furcht, nicht Zaghaftigkeit; vielleicht gar Angst, doch nicht Ängstlichkeit; und in keinem Falle Furcht oder Angst um sich selbst.


Hans Jonas (1903 – 1993) aus „Das Prinzip Verantwortung"

„Immer muss der Wissende darauf vorbereitet sein, später einmal wünschen zu müssen, er hätte nicht oder anders gehandelt.“ Das trifft den Kern des Problems bei existentiellen Entscheidungen. Weil bei der „Sorge um ein anderes Sein“ die einzelnen Interessen und Positionen oftmals höchst kompliziert und darüber hinaus gar nicht immer für andere klar erkennbar sind, gibt es keine Garantie dafür, ob eine Entscheidung richtig sein wird. Und anders als im kaufmännischen Denken, in dem es immer nur um die Maxime der Arbeitseffektivität und der Gewinnmaximierung geht, geht es in der Sozialarbeit bei der Suche nach Problemlösungen um äußerst komplexe und vielschichtige Zielsetzungen.

Das menschliche Handeln mit all seinen Facetten und seiner Vielschichtigkeit ist nicht berechenbar und somit auch niemals vorhersehbar. Das könnte jetzt als Trost gelten, wenn man eine falsche Entscheidung getroffen hat, bzw. eine falsche Entscheidung nicht ausreichend bekämpft hat. Dennoch sollte man diesen Trost nicht als bequeme Entschuldigung missbrauchen. Es bleibt die Frage nach dem Warum für eine falsche Entscheidung. In wieweit haben dabei auch Projektionen oder Übertragungen eine Rolle gespielt? In wieweit hat man eine Entscheidung vielleicht unterschwellig auch deswegen getroffen, weil diese vor der Konfrontation mit unbequemen Auseinandersetzungen und Kämpfen bewahrt hat?

Die Konfrontation mit den Gründen für eine Entscheidung sollte man sich niemals ersparen. Zumindest dann nicht, wenn zu dem Selbstverständnis von Arbeit auch der Wunsch nach Veränderung gehört. Und dies stellt einen ganz entscheidenden Unterschied der Positionen dar: erschöpfen sich die Zielsetzungen lediglich in der formalen Erfüllung meiner Aufgabe? Oder gehört zur Zielsetzung auch das Streben nach struktureller Veränderung und Beseitigung von Missständen?

Oder noch einfacher: Stillstand oder Entwicklung?

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Montag, 14. Juni 2010, 18:39h

Sterbehilfe – wer kann entscheiden?

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Vor einiger Zeit habe ich mehrere Beiträge zum Thema Sterbehilfe geschrieben. Jetzt bin ich beim Googeln auf einen Leserbrief eines mir bekannten Arztes gestoßen, in dem es um das Thema Sterbehilfe ging. Und zwar in nachdenklicher Form, was die strikte Ablehnung betrifft. Es wird die persönliche Erfahrung beschrieben, in der die Verweigerung der Sterbehilfe bei einem schwer erkrankten und an Ateminsuffizienz leidenden Freund immer noch eine quälende Erinnerung ist. Der Arzt fordert einen anderen Umgang mit dem Thema Sterbehilfe, da die rigorose Ablehnung dem Einzelfall nicht gerecht wird.

Mich hat der Beitrag sehr nachdenklich gemacht. In diesem Beitrag geht es nicht um das platte Vertreten einer Position, sondern vielmehr um die Forderung eines sensiblen und differenzierten Umgangs mit dem Thema Sterben und Leiden. Und eben genau das ist es, was bei der momentanen Diskussion völlig fehlt. Es wird lediglich versucht, möglichst zeitsparend, möglichst verallgemeinernd und möglichst schnell eine allgemeingültige Antwort auf die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit der Sterbehilfe zu präsentieren. Um den einzelnen Menschen mit seinem Leiden geht es dabei überhaupt nicht mehr. Das Thema Sterbehilfe wird zum kaufmännischen Sujet degradiert, das man es möglichst schnell abhaken möchte, um sich lukrativeren Fragen zu widmen.

Vielleicht es genau das, was man sich vor Augen halten sollte: Nicht jeder ist geeignet und befähigt, sich zum Thema Sterbehilfe zu äußern. Wenn man eine Lösung finden will, die den betroffenen, oftmals an unerträglichen Schmerzen leidenden Menschen gerecht werden soll, dann muss man dieses Thema denjenigen überlassen, die dafür geeignet sind und die dieser Verantwortung auch gerecht werden. Die Thematik der Sterbehilfe ist zu komplex und zu bedeutsam, um sie pauschal rigoros abzulehnen oder rigoros zu befürworten. Meines Erachtens sollte ein Komitee gebildet werden aus erfahrenen und verantwortungsbewussten Menschen, denen es nicht um Ideologien geht, sondern immer nur um den einzelnen Menschen in seiner ihm eigenen Situation. Die die Sterbehilfe nicht voreilig und leichtfertig anwenden, sondern konsequent nur als Ultima Ratio. Ein Komitee aus Menschen, die bereit sind, sich immer wieder neu einzulassen auf die Frage nach der Zumutbarkeit von Leiden und die sich bei der Wahrnehmung dieser Aufgabe immer wieder bewusst machen, dass es sich um eine existentielle Entscheidung geht, die nur dann gefällt werden kann, wenn man auch bereit ist, den Betroffenen die dafür erforderliche Zeit zu widmen.

Also bitte möglichst keine Betreuer!

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Montag, 4. Januar 2010, 01:09h

Ich bin O.K. – Du bist O.K. – Toleranz oder einfach nur Gleichgültigkeit?

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05.01.2010
Vor einiger Zeit habe ich an einer Supervision teilgenommen und wurde dabei mit der Theorie Thomas A. Harris’ „Ich bin O.K. – Du bist O.K. konfrontiert. Harris ist Begründer der sogenannten Transaktionsanalyse, in der versucht wird, sich in der Kommunikation mit anderen von den in der Kindheit erlernten Mustern zu lösen und mit seinem Gegenüber frei von Projektionen umzugehen.

Hört sich gut an und ist im Großen und Ganzen auch das, worum es im Erwachsenensein geht. Denn erwachsen werden heißt – zumindest wenn man den Anspruch hat, sich weiterzuentwickeln – sich von den Traumen der Kindheit zu lösen um nicht in eine Wiederholungsfalle zu geraten.

Aber in der tagtäglichen Kommunikation mit einem zum Dogma stilisierten „Ich bin O.K. – Du bist O.K. zu leben ist dennoch eine andere Sache. Dies hieße in der Konsequenz nichts anderes, als sich mit allem und jedem zu arrangieren. Selbst wenn man anheim stellt, ob dies tatsächlich erstrebenswert ist, kann nur derjenige so leben, der frei von eigenen Zielen ist. Der immer alles und jeden so nimmt, wie es oder er nun mal eben ist.

Ich kann mich damit nur schwer anfreunden. Obwohl sicherlich ein jenseits von allen Wertmaßstäben geführtes Denken weniger Leiden verursacht als ein Leben mit strengen und einengenden Wertvorstellungen. Toleranz ist die einzige Möglichkeit des friedlichen Miteinanders. Aber Toleranz kann auch gefährlich in die Nähe der Gleichgültigkeit geraten.

Was letztendlich das Ausschlaggebende am Umgang mit der Maxime „Ich bin O.K. – Du bist O.K. ist, ist der Umstand, ob man eigentlich etwas verändern möchte oder aber lieber alles so lassen möchte, wie es ist. Und ich für meinen Teil möchte Dinge verändern. Ich bin bis zu einem gewissen Grad in der Lage, mir das „Warum“ und „Weshalb“ negativer Verhaltensweisen durch Berücksichtigung der Gründe und Umstände zu erklären. Ist beispielsweise jemand ausländerfeindlich, so kann ich mir erklären, warum und wieso dies wahrscheinlich so ist. Und wenn mir das gelingt, gehe ich mit weniger Abneigung und Frust auf den Betreffenden zu, was auf jeden Fall besser ist, als ein haßerfüllter Umgang.

Das heißt für mich aber eben noch lange nicht, daß dies auch tatsächlich O.K. ist. Weil ich nun mal Wertmaßstäbe habe – und auch haben will – in denen Ausländerfeindlichkeit etwas Abzulehnendes darstellt, bzw. als etwas angesehen wird, das Unfrieden und Schaden anrichtet. Ich möchte Ausländerfeindlichkeit nicht hinnehmen und auf Veränderung hinwirken, wo ich dieser begegne.

Der Prototyp des „Ich bin O.K. – Du bist O.K.“-Menschen ist der beliebige Mensch. Der Mensch, der tatenlos zusieht, wenn Unrecht geschieht, wenn Gewalt ausgeübt wird und wenn Menschen Leid zugefügt wird. Der Mensch, der an jedem belieben Ort mit jeden beliebigen Menschen jede beliebige Sache ausführen kann. Der nie leidenschaftlich für oder gegen etwas kämpft. Leidenschaftlicher Kampf ist ja auch nicht notwendig denn: „Ich bin O.K. – Du bist O.K.“

"Ich bin O.K. - Du bist O.K." mag ein wichtiger Schritt zur zwischenmenschlichen Toleranz sein. Aber diese Haltung kann auch als bequeme Entschuldigung mißbraucht werden, um sich jedem Konflikt zu entziehen und anderen die unangenehme Aufgabe zu überlassen, heikle Probleme anzugehen.

Aber in Bezug auf Arbeit bekommt die Maxime des „Ich bin O.K. – Du bist O.K.“ noch eine andere Bedeutung – je nachdem, was Arbeit für einen Stellenwert hat. Geht es in der Arbeit einfach nur darum, etwas gut und oft zu verkaufen, stellt Toleranz gegenüber anderen Einstellungen keine große Schwierigkeit dar. Ob jemand nun lieber das Produkt A oder aber lieber das Produkt B verkauft, ob jemand lieber einen rund-um-Service oder aber einen partiellen Service anbieten möchte – dies alles hat keine weltbewegenden Auswirkungen und sollte tatsächlich jedem selbst überlassen sein.

Anders ist es jedoch, wenn man mit Menschen arbeitet, so wie dies unter anderem bei Betreuungen der Fall ist. Dann geht es nicht nur um Produktabsatz sondern darum, ob die uns anvertrauten Menschen gut versorgt werden.

Kann man es in der Arbeit mit Menschen wirklich tolerieren, wenn jemand seine Betreuungen im Massenabfertigungsverfahren führt? Wenn jemand Vetternwirtschaft betreibt und vorzugsweise Bekannten Aufträge oder Mandate verschafft? Wenn jemand seine Vergütungsabrechnungen in schwindelnde Höhen treibt und dies der Staat oder aber der Betreute selbst zahlen muß? Oder wenn man seinen Betreuten gegenüber einen Umgangston wie in der Bundeswehr pflegt?

Gemäß Thomas A. Harris ist auch dies alles O.K. Und das ist genau das, was mich bedenklich stimmt.

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Freitag, 2. Januar 2009, 02:28h

Kusch und sein Sterbeautomat - Nachtrag

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Habe gerade im vorletzten Spiegel ein Interview mit dem Philosophen Wilhelm Schmidt (es gibt tatsächlich noch Philosophen!) gelesen. Im Gespräch ging es um die Endlichkeit der Existenz und das Gespräch behandelte auch die aktive Sterbehilfe.

Wilhelm Schmidt hat unter anderem jahrelang suizidale Patienten in einer Klinik beraten. Für ihn muß der Tod als Teil der Existenz begriffen werden, wobei er allerdings bemerkenswert undogmatisch ist und sich weder auf die Seite der aktiven Sterbehelfer schlägt noch auf die Seite von deren Gegner. Er sieht sowohl die Gefahren einer völlig unkritschen Sterbehilfe als auch die Schwierigkeit derjenigen Menschen, die durch eine unheilbare Krankheit unsäglichen Leiden ausgesetzt sind.

Interessant ist seine Antwort auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, selbst einmal Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Wilhelm Schmidt sagt, daß er sich nicht der Hilfe eines anderen bedienen würde, da er diesem dann die Verantwortung für seinen Tod aufbürden würde. Allerdings könnte er sich bei einem langen, unerträglichen Leiden vorstellen, "sich selbst Sterbehilfe zu leisten". Hiermit spielt er auf den 2003 verstorbenen norwegischen Abenteurer Thor Heyerdahl an, der als er an einem Gehirntumor litt, einfach aufhörte, zu essen und zu trinken.

Dies ist für mich als Betreuerin auch eine Situation, in der ich von jeglicher Intervention absehen würde. Wenn ein unheilbar erkrankter Betreuter sich aufgibt und Essen und Trinken verweigert, würde ich dies akzeptieren. Diese letzte Möglichkeit, sein Leiden zu beenden, muß unbedingt akzeptiert werden.

Meine Erfahrung ist, daß schwerkranke oder schwer gebrechliche Menschen ihren Wunsch nach dem Tod auch wirklich ohne jede Fremd- oder Selbstmanipulation umsetzen. Es scheint, als ob es in dieser Situation oftmals möglich ist, sein Sterben tatsächlich selbst herbeizuführen.

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Sonntag, 26. Oktober 2008, 16:47h

„Authentisch leben“ von Erich Fromm

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Es tut immer wieder gut, mal wieder ein Buch von Erich Fromm zu lesen. Sein Werk „Authentisch leben“ hat nichts an Aktualität eingebüßt, obwohl Erich Fromm schon 1980 verstarb und einige Thesen von ihm schon 1937 (!) formuliert wurden.

Sein Plädoyer für ein authentisches Leben wendet sich gegen die von ihm als „Pseudo-Selbst“ bezeichnete Existenz. Diese ist die Konsequenz, wenn sich der Mensch nur noch daran orientiert, sich gewinnbringend auf dem Markt zu verkaufen. Das Gefühl für die eigene Identität wird nicht durch die Bezogenheit auf andere erlebt sondern durch das Gefühl des Besitzens. Das Haben besitzt eine stärkere Realität als das Sein.

Ein Pseudo-Selbst ist aber auch die Folge, wenn ein Mensch nur die Erwartungen erfüllt, welche andere in ihn setzen und sein Selbstgefühl nur das Spiegelbild seiner gesellschaftlichen Rolle darstellt. Diese Menschen sind durch tiefe Angst und Unsicherheit geprägt und haben ein zwanghaftes Bedürfnis nach Konformität.

Die Möglichkeit eines authentischen Lebens hängt von vielen Faktoren ab. Von Gleichberechtigung und von der Freiheit der Wahl. Wobei mit Freiheit nicht die Scheinfreiheit in einer durch Medien manipulierten Gesellschaft gemeint ist, sondern die wirkliche Freiheit, die es nur da geben kann, wo die Wirklichkeit nicht inszeniert ist. Eine wichtige Voraussetzung ist die Fähigkeit, Konflikte und Polaritäten zu akzeptieren, anstatt ihnen aus dem Weg zu gehen. Erich Fromm sieht Konflikte als die Quelle der Entwicklung der eigenen Kraft und dessen, was man als „Charakter“ zu bezeichnen pflegt. Konfliktfähigkeit ist die Bedingung für die Überprüfung des eigenen Standpunktes und des eigenen Weltbildes. Jedes geistige Wachstum hat seine Ursache in der Konfrontation mit den eigenen Widersprüchen.

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