Montag, 23. Mai 2011, 01:16h

Krämerseele

behrens

Man darf sich nicht täuschen. Das, was man vorfindet in der Tiefe der Seele eines scheinbar weltgewandten Geschäftsmannes, ausgestattet mit Laptop, Chefschreibtisch und perfekt durchorganisiertem Terminablauf, ist letztendlich meist nichts anderes als eine kleingeistige Krämerseele. Eine aufs Rechnen beschränkte Seele, der jegliche kulturellen und sozialen Werte abhanden gekommen sind.

Und so manches in Geldanlagen perfekt jonglierende Finanzgenie stellt sich bei näherer Betrachtung als nichts anderes als ein biederer Erbsenzähler heraus, dessen Leben fernab von allem, was an Buntheit und Vielfalt vorhanden ist, beschränkt ist auf die Welt der Zinsrechnung und der Immobilienpreise. Bei ihm gewinnt der Begriff der Kleinkariertheit anschauliche Bedeutung, denn der offene und weite Blick ist dem Erbsenzähler fremd, da er die Welt durch ein aus vielen kleinen Karos bestehendes Raster sieht, das auf Zahlenwerte begrenzt ist.

Der Horizont der Krämerseele und des Erbsenzählers endet dort, wo die menschliche Vielfalt der Beziehungen anfängt. Dort, wo es um den schöpferischen, mitmenschlichen, tiefgründigen, künstlerischen und nachdenklichen Bereich der menschlichen Existenz geht, wird man seinesgleichen vergeblich suchen.

Würde die Krämerseele nicht soviel Schaden anrichten, dann müsste man statt Verachtung eher Mitleid mit ihrer kläglichen Begrenztheit haben.

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Gut geschrieben. Nun haben ja manche, sogenannte "Top-Erbsenzähler" mittlerweile auch das "Menschliche" und "Philosophische" entdeckt, da ihnen klar wurde, dass sich damit unter Umständen noch mehr Geld machen lässt. Wie hiess das doch gleich? Ach so, "soft skills". Der CEO mutiert zum Buddhisten, oder so ähnlich. Beispiele gibt's genug.

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Ich musste „soft skills“ (und auch „CEO“) erstmal nachlesen. Bisher habe ich soziale Kompetenz als etwas Positives aufgefasst. Aber stimmt – wenn dies zu einer Fertigkeit mutiert, die letztendlich nur den Zweck der Effektivität (= Gewinnmaximierung) hat, dann muss man auf der Hut sein. Letztendlich ist das dann genauso hohl wie die vielen Websites, in denen in höchsten Tönen von der eigenen Person geschwärmt wird.

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