Montag, 27. Juni 2011, 14:21h

Master and Servants – die Philosophie des Delegierens

behrens

„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' getrost den anderen zu.“

Inzwischen ist einige Zeit seit meiner Fortbildung vergangen und ich habe genug Abstand, ein wenig darüber zu schreiben, was mir bei der Fortbildung im Magen lag – nämlich das Prinzip des Delegierens. Zum einen betone ich vorab, dass die Fortbildung zum Thema Büroorganisation für Betreuer mir viele Anstöße gegeben hat, wie ich meine Arbeit besser und rationeller organisieren kann. Zum anderen möchte ich ebenfalls betonen, dass Delegation in einem gewissen Rahmen sowohl völlig normal als auch unverzichtbar ist. Beispielsweise organisiere ich als Betreuerin die Haushaltshilfe für Kranke und Behinderte und führe diese nicht selbst aus, genauso wenig wie ich selbst die Begleitung für Spaziergänge übernehme, sondern hierfür Besuchsdienste suche. Und ich habe seit einigen Jahren eine Mitarbeiterin, die für mich einen großen Teil der administrativen Arbeiten erledigt.

Wenn das Delegieren also etwas völlig Normales ist, warum ist es dann nicht voll und ganz zu bejahen und warum schreibe jetzt einen Beitrag darüber? Die Antwort lautet: weil es eine Form des Delegierens gibt, die weit über den eigentlichen Zweck und Sinn hinausgeht und die einen mehr als fragwürdigen Umgang mit anderen Menschen mit sich bringt.

Bei vielen Themen im Fortbildungsseminar ging es darum, wie man zeitsparender arbeiten kann und der Seminarleiter schilderte ausführlich, dass er mit vielen Aufgaben seine Mitarbeiter und vor allem Praktikanten beauftragt. Auch ein Teil der Heimbesuche werden von Praktikanten durchgeführt und sogar das Schreiben von Berichten. Sämtliche Aufgaben wie Schriftverkehr, Kontenführung, Aktenführung e.t.c. werden ohnehin grundsätzlich von Mitarbeiterinnen und nicht vom Betreuer selbst ausgeführt. Der ewige Streitpunkt, wer bei einer Krankenhauseinweisung notwendigen Dinge wie Kleidung und Hygieneartikel bringt, wurde von dem Seminarleiter ganz klar dahingehend entschieden, dass der Pflegedienst hierfür zuständig ist. Mein Einwand, dass der Pflegedienst genauso wenig wie wir Betreuer dafür bezahlt wird, wurde sofort entgegengebracht, dass dies im zeitlichen „Gesamtbudget“ enthalten sein müsse – ein etwas gewagter und darüber hinaus sehr nebulöser Standpunkt, wie ich finde.

Jeder einzelne Punkt für sich genommen ist wahrscheinlich durchaus im gewissen Rahmen akzeptabel und begründbar. In der Summe allerdings ergibt sich ein Bild von der Betreuungsarbeit, in dem der Begriff „Betreuer“ seltsam unpassend wirkt und man eigentlich viel mehr das Bild eines Managers oder Verwalters vor Augen hat. Aber selbst dies wäre vielleicht noch kein Grund, das Prinzip des Delegierens völlig in Frage zu stellen. Was am Prinzip des Delegierens so befremdlich ist, ist die Tatsache, dass es sich zu einem Selbstzweck entwickelt, in dem es primär darum geht, allen anderen Beteiligten so viel wie möglich aufzuladen. Dabei werden dann auch noch mit Vorliebe Menschen eingesetzt, die nicht bezahlt werden sondern zum Nulltarif arbeiten, wie Praktikanten und Ehrenamtliche.

Die Regel des Delegierens lautet:

Das Recht des „So-wenig-wie-möglich“ gilt ausnahmslos für die eigene Person. Für alle anderen gilt strikt die Pflicht des „So-viel-wie-möglich“.

Aus kaufmännischer Sicht eine Praxis, die professionell und clever ist. Aus sozialer Sicht einfach nur eine professionelle Form des Ausnutzens und des uneingeschränkten Egoismus.

Was kommt eigentlich bei dem Prinzip des Delegierens unterm Strich für die Arbeit im Betreuungswesen heraus? Ganz einfach – anstatt vieler Betreuer mit geringer Fallzahl gibt es nur wenige Betreuer mit hoher Fallzahl. Auf der anderen Seite muss ehrlicherweise auch erwähnt werden, dass in ersterem Fall auch weniger Praktikantenplätze und weniger Aufgaben für Ehrenamtliche zur Verfügung stehen. Allerdings ist eine geringere Fallzahl auch zwangsläufig mit mehr Arbeitsplätzen für Betreuer verbunden.

Wie sieht es denn ganz konkret für den einzelnen Betreuten aus? Ist es besser von jemandem betreut zu werden, der viele Betreute und somit viele Praktikanten und Mitarbeiter hat oder ist es besser, von jemandem betreut zu werden, der nur wenige Betreute hat? Es wäre falsch, von vorneherein davon auszugehen, dass eine geringe Fallzahl gleichbedeutend mit besserer Betreuung ist, denn es ist durchaus möglich, viele Menschen optimal zu betreuen und auf der anderen Seit ist eine geringe Betreuungszahl noch kein Garant für eine gute Betreuung. Die entscheidende Frage ist aber, ob es wahrscheinlich ist, dass jemand, der eine rigorose und strikte Form des Delegierens praktiziert und vertritt, seinen Schwerpunkt tatsächlich noch auf dem gerade von diesem Betreuertypus gern so oft zitierten „Wohl des Betreuten“ hat? Hat jemand, der sich ständig mit der betriebswirtschaftlichen Frage des Einsparens von Arbeitszeit beschäftigt, überhaupt noch Zeit und wirkliches Interesse für die vielen anderen Fragen, die sich aus der Arbeit mit Betreuten ergeben?

Eins steht fest - für die vielen Menschen, die auch in die Betreuungsarbeit involviert sind, ist der Umgang mit einem Menschen, der das Delegieren schon fast zwanghaft betreibt, alles andere als angenehm. Handwerker, die „mal eben“ etwas umsonst machen sollen, Pflegedienste, die Tätigkeiten übernehmen müssen, die überhaupt nicht zu ihren Aufgaben gehören, Heimpersonal, von denen Extraarbeiten erwartet werden, die kaum leistbar sind – die Liste derer, die man einspannen kann für Dinge, die sie überhaupt nicht machen müssen, könnte noch beliebig verlängert werden.

Das erste Mal wurde ich übrigens mit der Thematik des Delegierens konfrontiert, als ich als Berufsanfängerin gemeinsam mit meiner ebenfalls neuen Kollegen eine Stelle in der Arbeitslosenberatung antrat. Ich führte mit der Kollegin eine Diskussion darüber, dass sie mit dem Hinweis auf ihre hohe Qualifikation jegliche Kontrolle der Arbeitszeit verweigerte. Die Kollegin sagte mir, dass sie schon immer eine Arbeitstelle angestrebt hätte, in der sie selbständig arbeiten und die Arbeit delegieren könne. Schon damals war ich äußerst verwundert darüber, dass es jemanden so ausdrücklich wichtig ist, Arbeit zu delegieren. Wie bereits erwähnt, gehört Delegation zu den meisten Tätigkeiten in irgendeiner Form dazu. Für manche Menschen allerdings scheint das Delegieren fast schon mit einem Lustgewinn verbunden zu sein. Endlich mal ohne Begründung anderen Ordern geben dürfen. Endlich mal die Tätigkeiten abwälzen, auf die man selbst keine Lust hat. Endlich mal jemand sein, der den Ton angibt und vorschreibt, wo’s längs geht. Endlich mal – der Master sein und nicht mehr einer der vielen Servants.

Ach ja, wie lang ist’s her das ich das andere Extrem erlebt habe – die rigorose Gleichheit. Mein Zwischenpraktikum absolvierte ich im Frauenhaus. Und dort war in der Satzung ausdrücklich festgelegt worden, dass es auf keinen Fall eine Leiterin geben darf. Alle waren gleich und hatten überall und jederzeit Mitspracherecht. Mich würde brennend interessieren, ob dies auch heute noch so praktiziert wird. Denn schon damals lief vieles dadurch sehr chaotisch. Auf Besprechungen tauchte das ganze 9köpfige Team – einschließlich Praktikantinnen und Hausmeisterinnen – auf und meist waren gar nicht genug Stühle vorhanden, um gemeinsam zu tagen. Wenn ich den damaligen Personalschlüssel mit meiner heutigen Fallzahl vergleiche, werde ich grün vor Neid. Denn während ich 36 Betreuungen allein führe, war damals das 9köpflige Team für weniger als 20 Frauen (die genaue Zahl erinnere ich nicht mehr, wahrscheinlich sogar weniger) zuständig. Aber dennoch habe ich Respekt vor Menschen, denen gleichberechtigtes Arbeiten wichtig ist und die Entscheidungen gemeinsam fällen und tragen möchten.


Last not least gehören Menschen, die eine rigorose Form des Delegierens vertreten auch fast immer zu den Menschen, die Entscheidungen über den Kopf anderer fällen. Das ist kein Zufall, denn wer sich auf der einen Seite dazu berechtigt fühlt, die Maßstäbe dafür festzulegen, wann und wo etwas delegiert wird, der fühlt sich ebenso dazu berechtigt, die Maßstäbe dafür festzulegen, wann und wo etwas einzig und allein von ihm selbst ausgeführt werden darf. Das Prinzip ist nämlich haargenau das Gleiche: Master and Servants.

Und jetzt möchte ich – damit mir nicht wieder der (nicht ganz unberechtigte) Hinweis auf meine pessimistische Grundhaltung gemacht wird, auf eine Dokumentation aufmerksam machen, in der über einen Betreuer berichtet wird, der lediglich 19 Betreuungen führt und sich für jeden einzelnen sehr engagiert:

https://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1308508/Ein-knallharter-Job?bc=sts%3Bsuc#/beitrag/video/1308508/Ein-knallharter-Job

Sollte es irgendwann bei mir selbst der Fall sein, eine Betreuung zu benötigen – diesem Kollegen würde ich bedingungslos vertrauen.

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