Dienstag, 28. Mai 2013, 01:08h

Meine Betreuten VI – Demenz und ein trauriger Abschied

behrens

Dies ist die Geschichte von Herrn M. und von der Tragik, die durch eine Demenz über das Leben eines Menschen hereinbrechen kann. Ich würde mir sehr ein paar Kommentare wünschen. Nicht so sehr für mich, sondern für Herrn M. und als Anstoß für den Umgang mit Demenz.

Ich war noch nicht lange als Betreuerin tätig, als mir Herr M. als Betreuter vorgeschlagen wurde. Der 83jährige Herr M. fiel in seinem Umfeld durch zunehmende Verwirrung auf, denn seit einiger Zeit unterstellte er seinen Nachbarn Diebstähle, die er regelmäßig bei der Polizei anzeigte, ohne dass sich seine Anzeigen jemals als berechtigt erwiesen. Außerdem suchte Herr M. fast täglich seine Bank auf und unterstellte auch dort, dass Geld unrechtmäßig entwendet wurde.

Die Wohnung von Herrn M. war liebevoll und sehr geschmackvoll eingerichtet und mir fielen sofort die interessanten Kunstdrucke und das riesige Bücherregal auf, als ich gemeinsam mit einem Mitarbeiter der Betreuungsstelle das erste Mal Herrn M. aufsuchte. Herr M. zeigte sich sofort mit der Einrichtung der Betreuung einverstanden und sagte, dass er mich „am liebsten gleich dabehalten würde“.

Ich nahm Kontakt zu den Nachbarn auf wir führten ein gemeinsames Gespräch. Ich konnte bestens verstehen, dass die Nachbarn genervt waren, denn Herr M. klingelte mitunter nachts um 2.00 Uhr aus unerfindlichen Gründen und erstattete, wie bereits erwähnt, regelmäßig Diebstahlsanzeigen. Dennoch war durchaus Verständnis für Herrn M. vorhanden, denn schließlich hatten beide Mietparteien jahrelang eine gute Beziehung zueinander gehabt. Die Nachbarn zeigten sich letztendlich auch bereit, den Zustand noch länger zu ertragen. Auch der Vermieter reagierte überraschenderweise positiv, als ich ihn anrief und ich ihn unter Schilderung der tragischen Umstände um Verständnis dar. „Von mir aus kann Herr M. hier so lange wohnen bleiben, wie er möchte“, war seine Antwort.

Sowie bekannt war, dass ich die Betreuung von Herrn M. übernommen hatte, hagelte es auch schon täglich Anrufe. Mal war es die Bank, der Herr M. vorwarf, Geld veruntreut zu haben, mal war es die Polizei, bei der Herr M. erneut Anzeigen gegen die vermeintlichen Diebstähle der Nachbarn machte und einmal war es auch ein völlig verzweifelter Taxifahrer, der Herrn M. bis nach Cuxhaven gefahren hatte, ohne dass Herr M. in der Lage war, die Fahrt auch zu bezahlen. Außerdem schloss sich Herr M. in regelmäßigen Abständen aus seiner eigenen Wohnung aus und es musste dann ein Schlüsseldienst bestellt werden, dessen Einsätze nicht gerade billig waren.

Ich organisierte einen Pflegedienst, der jedoch auch bald seine liebe Not mit Herrn M. hatte, da er auch dem Pflegedienst nicht vertraute und sich oftmals bestohlen fühlte. Außerdem konnte er ja einige Dinge durchaus noch selbst erledigen und war daher manchmal nicht damit einverstanden, wenn der Pflegedienst Arbeiten anders ausführte, als er es gewohnt war. Der Einsatz des Pflegedienstes war jedoch sehr wichtig, denn so war zumindest die ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln garantiert, da Herr M. zwar theoretisch in der Lage war, selbst einzukaufen, praktisch jedoch nie Geld vorhanden war, weil er das Geld entweder versteckte oder aber verlor.

Herr M. war ein sehr gebildeter Mann, der noch die inzwischen kaum mehr anzutreffende humanistische Bildung genossen hatte, so dass er neben Englisch und Französisch auch Griechisch und Latein gelernt hatte. Außerdem war Herr M. ein großer Liebhaber guter Literatur und klassischer Musik, wobei er zwar eine gute HiFi-Anlage, aber bezeichnender Weise keinen Fernseher besaß. Vor der Berentung hatte Herr M. als Prokurist einer großen Firma gearbeitet. In den Unterlagen von Herrn M. fanden sich Briefe, wie beispielsweise an bekannte Journalisten, die eine sehr große Wortgewandtheit und Hintergrundwissen deutlich machten.

Dieser Mann, der einst eine so verantwortungsvolle Stellung innehatte, litt entsetzlich darunter, jetzt nicht mehr die richtigen Worte zu finden. Einmal, als er wieder mühevoll nach einem Wort suchte, schlug er sich vor lauter Wut an den Kopf und rief verzweifelt: „Das ist so furchtbar“.

Als sich abzeichnete, dass der Verbleib in der eigenen Wohnung aufgrund seiner Verwirrung immer schwieriger wurde, schlug ich die Besichtigung eines Heims vor und Herr M. erklärte sich damit auch bereit. Als wir dann allerdings das erste Heim ansahen, das im Vergleich zu anderen Heimen wirklich einigermaßen gemütlich war und außerdem schön gelegen, reagierte Herr M. ausgesprochen ablehnend. Der Grund hierfür lag nicht so sehr im Heim an sich, das dem Vergleich seiner stilvollen Wohnung natürlich nicht standhielt, sondern vielmehr in der Tatsache, dass sich so viele ebenfalls alte und gebrechliche Menschen dort befanden. Die gleiche Reaktion zeigte Herr M. genauso deutlich bei dem Besuch einer Tagespflegestätte und bei einem weiteren Heim.

Obwohl es bald keinen Tag mehr gab, an dem ich nicht in irgendeiner Weise mit Herrn M. beschäftigt war und dies allmählich an die Grenzen meiner Kraft ging, wollte ich Herrn M. auf keinen Fall mit Gewalt in ein Heim bringen. Es gibt einen Satz, den Herr M. äußerte und den ich noch genau wie damals erinnere: „Frau Behrens, meine Wohnung – das bin ich!“ Und wenn man sich in der Wohnung mit den vielen Büchern, den sorgsam ausgesuchten Kunstdrucken und den vielen kleinen Erinnerungsstücken umsah, dann verstand man genau, was Herr M. meinte.

Ich veranlasste einen psychiatrischen Krankenhausaufenthalt in der Hoffnung, dass es vielleicht eine Form einer hilfreichen medikamentösen Behandlung geben würde, was aber leider nicht der Fall war. Ich nahm außerdem Kontakt zum Sohn auf, der sich überraschenderweise als mein früherer Politiklehrer herausstellte, der sich erstaunlicherweise sogar noch genau an mich erinnern konnte. Auch er hatte sich schon große Sorgen um seinen Vater gemacht, insbesondere deswegen, weil der Vater bis vor kurzem trotz seiner Demenz noch Auto gefahren war. Und wie ich weiter erfuhr, hatte der Vater zuvor in seiner Verwirrung seine gesamten Ersparnisse abgehoben, die daraufhin spurlos verschwanden. Auch bei mir löste es Unverständnis aus, dass man erst dann die Einziehung des Führerscheins erwirken kann, wenn es bereits zu einem Unfall gekommen ist und eine Bank keinerlei Verpflichtung hat, bei einem deutlich verwirrten Kunden etwas gegen die Abhebung des mühsam angesparten Geldes zu tun.

Irgendwann kam dann der Zeitpunkt, den ich eigentlich gar nicht mehr erwartet hatte – Herr M. äußerte von sich aus den Wunsch, in ein Heim zu ziehen. Da er sich immer wieder von Nachbarn und Pflegedienstmitarbeitern beraubt wähnte, fühlte er sich in seiner Wohnung nicht mehr sicher. Allerdings war Herr M. wiederum trotz seiner Demenz zeitweilig in der Lage, wahrzunehmen, dass es nicht die anderen waren, mit denen etwas nicht stimmte, sondern der Grund allein in ihm lag. Diese zeitweilige Erkenntnis schien ihn mindestens genauso zu deprimieren, wie das Gefühl der Bedrohung durch Dritte.

Glücklicherweise war durch die von mir vorgenommene Geldeinteilung inzwischen ein wenig Geld angespart worden, so dass die Wohnung nicht sofort gekündigt werden musste und dadurch auch die Option der Rückkehr in die eigene Wohnung weiterbestehen konnte. Da mir klar war, dass Herr M. den Rahmen der Betreuung einer normalen Pflegestation sprengen würde, schlug ich eine spezielle Dementenstation vor, der Herr M. auch zustimmte. Ich werde nie vergessen, wie traurig Herr M. in seiner Wohnung saß, als wir gemeinsam entschieden, welche Dinge er mitnehmen würde. Wir sahen gemeinsam ein Fotoalbum an und während die meisten Betreuten ihre persönlichen Fotos unbedingt mitnehmen wollten, schienen Herrn M. die Fotos nichts mehr zu bedeuten. Obwohl er sich bei dem Anblick der Fotos noch genau an die damalige Situation zu erinnern schien, schüttelte er den Kopf, als ich vorschlug, die Fotos mitzunehmen. Im nachherein denke ich, dass Herr M. in dem Moment, als er sich zur Aufgabe seiner Wohnung entschlossen hatte entschied, bereits einen Teil von sich aufgegeben hatte.

Im Heim fühlte sich Herr M. überhaupt nicht wohl, aber er wollte auch nicht in seine Wohnung zurück. Bei dem Heim handelte es ich um eine sehr große Einrichtung, die früher mal eine Kaserne war, was man den Räumlichkeiten auch noch immer anmerkte. Insbesondere ein Ästhet wie Herr M. konnte sich natürlich schwer mit so einer Umgebung anfreunden. Diese Abneigung konnte Herr M. auch trotz seiner Wortfindungsstörungen deutlich machen; er wies auf den langen Korridor und sagte kopfschüttelnd: „Also, das ist einfach unmöglich hier!“ Da Herr M. ausgesprochen unfreundlich zu seinem Zimmernachbarn war, hatte er allerdings in Windeseile ein Einzelzimmer.

Es ging Herrn M. im Heim weder besser noch schlechter als zuhause. Auf der einen Seite fühlte er sich sicherer als in den eigenen vier Wänden und auf der anderen Seite fehlte ihm seine Wohnung. Genauso verhielt es sich mit dem Kontakt zu anderen Menschen: auf der einen Seite war Herr M. froh darüber, nicht allein zu sein, auf der anderen Seite störte ihn die Konfrontation mit so vielen alten Menschen. Als ich ihn einmal besuchte, standen ihm Tränen in den Augen. Mühsam formulierte er den Satz: „Ich sitze hier und sitze hier und denke immer nur eins – wann kommen Sie endlich!“.

Als eine Mitarbeiterin der Heimverwaltung hörte, dass ich eigentlich gern ein kleineres und gemütlicheres Heim für Herrn M. suchte, schien sich eine spontane Lösung anzubieten, denn besagte Mitarbeiterin war mit der Heimleiterin eines kleinen Heimes im Norden Hamburgs befreundet, so dass ich einen Vorstellungstermin vereinbarte, den ich gemeinsam mit Herrn M. wahrnahm. Herr M. schien vom Heim angetan und war bester Laune, als wir dann wieder zurück fuhren. Allerdings kam es zu einer kleinen Katastrophe, als ich Herrn M. wieder in das Heim begleiten wollte, denn er weigerte sich mit aller Kraft, das Haus zu betreten. An dem Tag stürmte und regnete es und da es Winter war, war es auch schon stockfinster. Wir beide standen also vor der Eingangstür und ich zerrte an Herrn M. in Richtung Tür und Herr M. zerrte nicht minder hartnäckig in Richtung Straße. Er machte dann deutlich, dass er nicht von mir alleingelassen werden wollte. Ich sagte dann, dass ich ihn doch nicht mit zu mir nehmen könnte, aber Herr M. erwiderte unerschütterlich „Doch!“ Ich bat ihn, vernünftig zu sein und erklärte außerdem, dass ich nicht allein leben würde, sondern mit meinem Freund. Darüber schien Herr M. sehr ärgerlich zu sein und antwortete: „So war das nicht abgemacht“. Letztendlich ließ er sich dann aber doch von mir in sein Zimmer bringen, wo wir uns dann beide erschöpft und völlig durchnässt verabschiedeten.

Es kam dann zu dem Wechsel in das kleinere Heim und die Szene wiederholte sich, als ich mich von ihm verabschieden wollte. Wieder war Herr M., der kurz zuvor noch zu Scherzen aufgelegt war, völlig aufgebracht und wollte mich nicht fortlassen. Es ging ihm dann in dem Heim nicht viel besser als in dem ersten Heim. Und leider war die Heimleiterin auch sofort von Herrn M. sehr genervt und schien mit der Problematik der Demenz überfordert. Erschwert wurde die Ganze Situation noch durch den Umzug, den ich organisiert hatte, denn es mussten ja noch die Möbel und persönliche Dinge ins Heim gebracht werden. Ich hatte, da Herr M. den Umzug selbst bezahlen musste, ein sehr günstiges ABM-Projekt für den Umzug gewählt, was sich als ein großer Fehler herausstellte. Beim Einpacken war ich dabei und war entsetzt, als die teuer HiFi-Anlage regelrecht auf den Boden geschmissen wurde, aber mir wurde nur entgegnet, dass für „den Opa“ bei Schäden doch die Versicherung zahlen würde. Im Heim wurde dann entgegen der Vereinbarung nichts aufgebaut, sondern ebenfalls nur auf den Boden geschmissen, wodurch das Verhältnis zur Heimleiterin vollends in die Brüche ging.

Mittlerweile hatte ich im Betreuungsverein, in dem ich zum damaligen Zeitpunkt beschäftigt war, gekündigt und die Betreuung wurde an meine Nachfolgerin übergeben. Ich besuchte Herrn M. ein letztes Mal und er schien mir nicht mehr böse zu sein. Einige Zeit später verstarb Herr M. an einer Lungenentzündung, die er sich wahrscheinlich zugezogen hatte, als er bei schlechtem Wetter aus dem Heim fortgelaufen war.

Ich schließe diese Geschichte, die mich auch jetzt noch sehr traurig stimmt, mit der Beschreibung des Moments, der auch die letzte Erinnerung an Herrn M. darstellt. Herr M. begleitete mich noch bis zur Gartentür des Heims und nachdem wir uns verabschiedet hatten, drehte ich mich noch einige Male um. Jedes Mal stand Herr M. noch am Gartenzaun und winkte mir lebhaft zu. Selbst als ich schon in weiter Entfernung um die Ecke bog und ein letztes Mal zurücksah, stand Herr M. immer noch dort – beide Arme hocherhoben über den Kopf heftig hin- und her schenkend.

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Abschiedsgeschenk
"...stand Herr M. immer noch dort – beide Arme hocherhoben über den Kopf heftig hin- und her schenkend."

Das Wechselspiel von Mißtrauen und Einsamkeit ist nicht erträglich für den
Geist, der sein absterbendes Gehirn spürt.

Da fehlt ein sichtbares w und doch ist ein großes da.

Ich hatte neulich Anteil(?) an einem Massenbegräbnis von 12 Urnen,
die über Wochen gesammelt und dann in Vierergruppen beigesetzt wurden.

Noch dabei wurde unterschieden, für welche der jeweils vier die Blümchen
waren, wenn welche dabei waren.

Trauerzug ca. 100 Personen.

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Es gibt noch so viel zu Herrn M. zu sagen…
Der Geist, der sein absterbendes Gehirn spürt"

Das ist sehr schön ausgedrückt, denn zumindest im Anfangsstadium wird Demenz vom Betroffenen noch wahrgenommen und dies scheint in der Tat nicht erträglich zu sein. Es gab vor kurzem einen Fernsehfilm – „Die Auslöschung“ mit Klaus-Maria Brandauer – der sehr bedrückend die Gefühle desjenigen darstellte, der weiß, dass er an Alzheimer erkrankt ist. Vor Jahren gab es schon einmal einen mindestens genauso bedrückenden Film „Reise in die Dunkelheit“ zu der gleichen Thematik. Ich kann mich immer nur in Etappen mit diesem Thema befassen, weil es bei mir auch eigene Ängste auslöst.

Mein Herr M. – ich könnte noch viel mehr über diesen ungewöhnlichen Mann schreiben. Zum Beispiel dass er trotz seiner Demenz immer noch ein Kavalier alter Schule war, er half mir grundsätzlich in den Mantel und ab und zu gab er mir auch einen Handkuss. Und er liebte klassische Musik von ganzem Herzen. Ich schickte ihm einmal eine Karte nach (ich weiß, eigentlich hätte ich die nicht lesen dürfen…), auf der ihn ein Freund an ein zurückliegendes Konzert erinnerte, das er als "Gemeinsames wunderschönes Musikerlebnis“ beschrieb.

Aber Herr M. konnte auch ein richtiges Ekel sein, denn als ich endlich eine passende Dame für einen Besuchdienst für ihn fand, die bereit und geeignet war, mit ihm in klassische Konzerte zu gehen, war diese Dame Herrn M. nicht hübsch genug. Wir haben uns darüber sehr in die Haare bekommen.

Und dann gibt es etwas, dass ich unbedingt noch erwähnen möchte. Ich sah mir im Beisein von Herrn M. ein wenig seine Bücherregale an und fragte dann, ob er auch Bücher von Hermann Hesse haben würde. Herr M. suchte sofort zielsicher ein Buch von Hesse heraus. Ich brachte dann beim nächsten Besuch einen Gedichtband von Hesse mit und eigentlich wollte ich Herrn M. kurz daraus vorlesen. Dies verstand Herr M. jedoch falsch und so las er selber eines der Gedichte vor. Es war sehr ergreifend, denn dieser Mann, der an so enormen Wortfindungsstörungen litt, las das Gedicht fließend und perfekt betonend vor! So inbrünstig, dass er ohne weiteres (ich meine das wirklich ernst) für Hörbuchproduktionen eingesetzt hätte werden können. Und es war für mich ohne Zweifel, dass er den Sinn des Gedichts auch erkannt hatte, denn bei einer sehr traurigen Stelle stockte er kurz und es lief eine Träne über seine Wange.

Tragisch war auch, dass Herr M., der wie bereits erwähnt, auch sehr beleidigend sein konnte, durch sein Verhalten fast alle seine Freunde vergrault hatte. Anscheinend war aber sein Verhalten auch nicht allein durch die Demenz geprägt, denn wie ich in Gesprächen mit dem Sohn erfuhr, war Herr M. auch schon in gesunden Zeiten oftmals sehr schwierig gewesen, wodurch das Verhältnis zwischen Vater und Sohn auch nicht besonders gut war. Dennoch stand mir übrigens der Sohn – wie bereits erwähnt, ein früherer Lehrer von mir – mit Rat und Tat zur Seite, was längst nicht bei allen Familien der Fall ist.

Ich glaube, ich habe noch bei keinem Betreuten so direkt und offensichtlich erlebt, wie jemand durch die Demenz seine ganzen sozialen Bezüge verliert. Ich sage dies ohne Vorwurf, denn in der Tat ist kann es an die Grenzen der Belastbarkeit gehen, wenn jemand tagtäglich Chaos verursacht und man immer wieder von neuem Anfeindungen und Beschuldigungen ausgesetzt ist. Deswegen ziehe ich heute noch vor den Nachbarn den Hut, die sich im Gespräch letztendlich bereit erklärten, die Situation mit zu tragen.

Sollte ich die Problematik der Demenzerkrankung in einen Satz fassen, so würde ich sagen, dass sich ein Demenzkranker selbst fremd wird. Er geht sich und seinem Umfeld gewissermaßen Stück für Stück verloren und dies ist mit großer Angst verbunden. Bei vollem Bewusstsein das Bewusstsein verlieren - wem macht dies keine Angst?

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Auch wenn die Geschichte traurig ist, Herr M. ist sich treu geblieben, so gut er es vermochte, und hat sich nicht einreihen lassen, in das "ungnädige Spiel"
das dem Menschen oft jegliche Würde nimmt.

Mir fällt da der Spruch ein, "lieber aufrecht sterben, als auf Knien zu leben".

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Hallo, danke für den authentischen Bericht!

Er enthält für mich eine Essenz: das Heim. Die deutsche Sprache kennt das Wort "zuhause". Man verliert das Zuhause, wenn man in's Heim muß. Ob das nun bei Kindern oder bei Alten so ist, spielt keine Rolle. Ob ein Mensch dement ist oder nicht eigentlich ebenso wenig. Das Heim bleibt ein Heim, es ist niemals ein Zuhause, es sei denn man kennt es nicht anders.

Auch ihr Bericht bestätigt wieder meine persönliche Meinung, daß man Heime abschaffen sollte. In anderen Ländern - als Beispiel sei Dänemark genannt - hat die Bevölkerung dies schon längst beschlossen und umgesetzt: ein Mensch gehört nicht in ein Heim, sondern in eine Gemeinschaft.

Es ist durch Studien längst belegt, daß in einem Heim gerade wenn es sich um ein Heim für Betagte handelt zweierlei "Krux" zusammenkommen:
a) die Fülle der Heimbewohner verunmöglicht gerade kognitiv eingeschränkten Personen die Wahrnehmung der sozialen Umgebung und der einzelnen Person.
b) die Fülle der Heimbewohner verunmöglicht dem dort beschäftigten Pflegepersonal die Wahrnehmung des einzelnen Individuums mit seiner Geschichte und Gegenwart, wie es aus Ihrem Bericht spricht. So kommt es zur Vernachlässigung des Einzelnen und dem Ende des Lebensweges im Heim, statt zu dessen Fortführung ebenda.

Ich plädiere also für das Ende dieser Betreuungsform und ihr Ersetzen durch menschwürdige, kleine Wohngelegenheiten im Alter und bei Hilfsbedürftigkeit.

Mit freundlichen Grüssen,
Seinsknoten

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Zur Zeit meines Studiums gab es ja noch den schönen Begriff der „Dezentralisierung“, der heute aber weitgehend verschwunden zu sein scheint. Das wäre nämlich genau der Punkt um den es bei Wohnformen für alte Menschen geht: eine Wohngruppe oder auch ein Heim sollte sich so dicht wie möglich am bisherigen Wohnort befinden. Wenn es schon aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, dass jemand in seiner Wohnung bleibt, sei es, weil er einen zu großen Hilfebedarf hat oder aber weil er dort zu vereinsamen droht, dann sollte seine neue Bleibe dort sein, wo er bisher zuhause war und wo die sozialen Bezüge bestehen, Dänemark ist da ein gutes Beispiel. Und es gibt außerdem Beispiele dafür, dass kleine Heime nicht teurer sein müssen als große, so dass es realisierbar wäre, statt einiger großer Pflegezentren viele kleine denzentrale Wohn/Pflegeeinrichtungen zu schaffen.

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