Mittwoch, 27. April 2011, 12:56h

Auch das Private ist politisch - warum es Frauenhäuser gibt

behrens

Diese Frage hört sich naiv an und jeder wird sofort antworten „Weil es Schutzräume für Frauen geben muss, die vor Beziehungsgewalt flüchten“.

Aber mir geht es bei der Frage nicht um die gesellschaftliche Funktion von Frauenhäusern. Meine Frage nach dem „Warum“ bezieht sich auf die Frage nach der Entstehung. Nicht so sehr in soziologischer Hinsicht, sondern als Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Menschen Missstände nicht einfach hinnehmen, sondern an Veränderungen arbeiten. Wenn Menschen Interesse daran haben, in gesellschaftliche Zusammenhänge einzugreifen und diese selbst mitzugestalten.

Sollte man die Entstehungsgeschichte in einem Satz zusammenfassen, so wäre dies die Aussage: „Auch das Private ist politisch“. Entstanden sind die Frauenhäuser in den 70er Jahren. Gewalt in der Familie gab und gibt es aber natürlich schon seit Menschengedenken, Neu war jedoch, dass man einen als rein privat bezeichnetem gesellschaftlichen Umstand aus der beschützten Sphäre des Privaten herausgeholt hat und ihn öffentlich gemacht hat. Und damit handelte es sich um nicht mehr und nicht weniger als einen riesigen Tabubruch.

Die alte Philosophie des Vertuschens und Beschwichtigens wich der völlig neuen Philosophie der Öffentlichmachung. Nestbeschmutzung wurde dies von so manchem genannt, dem es wichtig war, am Bild von der Familie als harmonischen und reibungslos funktionierenden Ort festzuhalten. Aber es kamen nicht nur Vorwürfe aus konservativen Kreisen. Auch der männliche Teil der linken Szene schüttelte den Kopf. Was hatte das noch mit Klassenkampf zu tun? Hatte man nicht Wichtigeres zu tun, als sich mit privaten Gefühlsduseleien zu befassen? Allen Ernstes wurde behauptet, dass der erfolgreiche Klassenkampf auch die Gewalt gegen Frauen beenden würde. Und allen Ernstes wurde vehement daran festgehalten, dass es in der DDR keine Frauenhäuser gäbe, weil sozialistische Männer nicht gewalttätig wären (ach, schön wär’s…).

Allen Anfeindungen aus konservativen und linken Kreisen zum Trotz etablierten sich Frauenhäuser. Schmutz wurde nicht mehr unter den Teppich gekehrt, sondern der Öffentlichkeit preisgegeben. Das, was als Nestbeschmutzung diffamiert wurde, war in Wirklichkeit ein Reinigungsprozess. Gewalt in der Familie wurde nicht mehr vertuscht sondern an den Pranger gestellt. „Seht her, das ist die Realität“. Und das war auch genau das, was die Zeit der Entstehung von Frauenhäusern prägte und auch für andere Bereiche galt. Ob Atomkraft, Umweltverschmutzung, Benachteilung von Randgruppen – lautstarke und wütende Thematisierung statt freundlicher Ignoranz. Dabei geht es mir nicht darum, diese Zeiten zu verklären, sondern darum, aufzuzeigen, auf welchem Weg erforderliche Veränderungen erfolgen.

Ich selbst habe im Zwischenpraktikum meines Studiums im Frauenhaus gearbeitet. Und wenn es auch so manches gab, was mir nicht gefiel und mit dem ich nicht übereinstimmte – das Grundgefühl der damaligen Zeit war das der Veränderung und des Vorgehens gegen Missstände. Und am Anfang stand das Öffentlichmachen. Rigoros und unversöhnlich. Ohne Wenn und Aber, denn ein Missstand muss zuerst einmal benannt werden, um ihn zu bekämpfen.

Mir kommt es vor, als lägen Äonen zwischen gestern und heute. Wie weit entfernt ist das „Seht her, das stinkt zum Himmel!“ vom „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“. Wie abgrundtief ist der Unterschied zwischen dem „Wir müssen auf Missstände aufmerksam machen“ vom „Wir müssen einen guten Eindruck machen“. Was für Welten liegen zwischen dem Begriff des „Klientels“ und dem des „Kunden“. Und last not least – wie schwer hatten es Alphamännchen zur damaligen Zeit. Kritikverbote oder Androhung von Unterlassungsklagen hätten damals wahrscheinlich eine kleine Revolte ausgelöst.

Meine Nichte sagt mir, dass ich nicht immer so negativ sein soll und deswegen schließe ich mit einer kleinen Anekdote. Unser Alphamännchen schilderte vor einiger Zeit empört, dass er früher bei einer Demonstration (daran hat er tatsächlich früher teilgenommen) aus dem Lesbenblock geworfen wurde. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, wieso ein Alphamännchen ausgerechnet im Lesbenblock mitmarschieren will (weil da keine anderen Alphas angetroffen werden?? Weil Frauen männliche Unterstützung brauchen??) genieße ich die Vorstellung, dass es Zeiten gab, in denen Frauen alles andere als nett und freundlich waren und man ab und zu mal ein schön lautes „Nein“ hören konnte.

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Mittwoch, 13. April 2011, 20:53h

Geplatzte Träume und doch Hoffnungsschimmer

behrens

Mir wurde gerade von einer Kollegin ein Hinweis auf einen interessanten Artikel gegeben:

http://www.sozialarbeiter.in/2010/11/04/der-zerplatzte-traum/

Wie der Name schon sagt, geht es um die unerfüllten Träume der Sozialarbeiter. In erster Linie wird dabei auf die Strukturen und die Arbeitsbedingungen in der Sozialarbeit eingegangen. In der Einleitung wird geschildert, wie enthusiastisch die angehenden Sozialarbeiter nach Beendigung ihres Studiums ihre Arbeit antreten und wie der Enthusiasmus irgendwann einer Resignation Platz macht. Für mich sind dies Worte wie aus einer anderen Welt:

Denn ihr Antrieb ist es, anderen Menschen etwas zu geben, sie zu unterstützen, Menschen zu helfen, die es im Leben nicht so gut getroffen haben, wie sie selber. So starten sie voller Vorfreude auf die Arbeit mit ihren neuen Kollegen.

Diese Worte sind so unendlich weit entfernt von Aussagen wie „Wir möchten einen guten Eindruck machen“ und dem Vorwurf des „Anspruchsdenkens“ an Menschen, die nicht in ein Heim möchten, weil sie ihren Lebensabend nicht mit einem winzigen Heimtaschengeld verbringen wollen. Hier geht es tatsächlich noch um die Motivation, die darin besteht, Menschen, die in dieser Gesellschaft benachteiligt sind, darin zu unterstützen, eine gleichberechtigte Position zu erlangen.

Auch wenn der Artikel den politischen und gesellschaftlichen Wandel nicht thematisiert, so drückt er doch sehr gut aus, wie soziales Engagement an der Realität zerrieben wird und schließlich scheitert. Wobei es nicht bei dieser deprimierenden Erkenntnis bleibt, sondern durchaus Vorschläge zu Abhilfe gemacht werden, die sich in erster Linie auf die Ausbildungsschwerpunkte im Studium und auf die Anforderungen an Führungskräfte beziehen.

Für mich ist der Artikel eine Erinnerung an die „alte“ Welt der Sozialarbeit. Trotz aller geschilderten Probleme ein kleiner Hoffnungsschimmer: es gibt sie also doch noch – Menschen, die sich jenseits von Gewinnmaximierung und Werbewirksamkeit um die Zukunft der Sozialarbeit Gedanken machen. Vielleicht gelingt es ja, Antworten auf die vielen Probleme zu finden. Zumindest ist das, was dafür unverzichtbar ist, geschehen: den Vorhang des guten Eindrucks zur Seite zu ziehen und einen Blick auf die dahinter vorborgene Realität zu werfen.

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Dienstag, 5. April 2011, 00:46h

Warum explodieren Kosten? Ein verspäteter Aprilscherz

behrens

In meinem Beitrag darüber, wie wir Betreuer unser Geld verdienen, hatte ich das der Betreuungsarbeit zugrundeliegende Vergütungssystem näher erläutert und dabei geschildert, dass seit 2005 die detaillierte Einzelvergütung durch eine Pauschalvergütung abgelöst wurde.

Am Ende des Beitrags habe ich darauf hingewiesen, dass die Umstellung auf eine Pauschalvergütung die Konsequenz der Kostenexplosion im Betreuungswesen war. Und ich hatte angekündigt, einmal einen Vergleich zweier Rechnungen anzustellen. Denn es ist ja eine spannende Frage, ob die Kostenexplosion darauf zurückzuführen ist, dass Betreuer früher mehr (zuviel?) Zeit in ihre Arbeit investiert haben oder ob es vielleicht auch daran gelegen haben könnte, dass manche Betreuer den Umstand der Schwierigkeit einer Kontrolle zu ihrem Vorteil ausgenutzt haben.

Und hier jetzt einmal zwei Gegenüberstellungen zum Vergleich:

Ein Betreuer hat im Jahr 2001/2002 für die Betreuung eines Heimbewohners einen Aufwand von 4,7 Stunden pro Monat geltend gemacht, was eine Jahresrechnung von etwa 2.070,00 € ergab.

Meine eigenen Rechnungsbeträge für die Betreuung von Heimbewohnern lagen in der Zeit vor der Pauschalierung in einer Spanne von 400,00 € bis 1.500,00 € bei Heimbetreuungen, die schon länger als ein Jahr bestanden. Eine Rechnung in Höhe von 2.070,00 € für Betreuungen bei Heimbewohnern hatte ich noch nie, obwohl ich in der Zeit meine Betreuten alle 4 bis 8 Wochen besucht habe. Die Rechnungsummen meiner damaligen Büropartner waren mit meinen vergleichbar.

Was könnte die Ursache sein für eine um einige hundert Euro höhere Rechnungssumme? Da gibt es so manches. Zum Beispiel ein erheblicher zeitlicher Mehraufwand, weil eine Erbschaft angetreten wurde, ein Haus geräumt und veräußert werden musste, eine schwere chronische Erkrankung ständige Kontakte mit den Ärzten erforderlich machte oder eine psychische Erkrankung ständig Kriseninterventionen erforderte. Die Liste könnte man noch um einiges verlängern. Oder die hohe Rechnungssumme könnte vielleicht auch darauf zurückzuführen sein, dass es sich um einen Betreuer handelt, der sehr viel Wert auf regelmäßige monatliche Besuche legte oder der ständigen Kontakt zu den Angehörigen pflegt.

All dies trifft aber bei der besagten Rechnung in keiner Weise zu – die Gründe für eine derartig hohe Rechnungssumme bleiben geheimnisvoll im Dunkeln. Was jedoch nicht heißt, dass sich niemand Gedanken darüber macht. Angehörige, Pflegepersonal, Besuchsdienste oder vielleicht auch der Betreute selbst stellen die Seriosität solcher Rechnungen in Frage. Und ab und zu kommt es zu einer Beschwerde. Auf diese Weise ist auch die hier zitierte Rechnung zu mir, bzw. zu meiner damaligen Bürogemeinschaft gelangt, denn ein Angehöriger war hochempört über diese Rechnung - zumal der Betreuer den Betreuten kein einziges Mal besucht hat - und fragte uns nach unserer Meinung. Ich kramte daraufhin einige meiner Rechnungen heraus, die sich aber alle in der Höhe (bei gleichwertigem Aufwand) erheblich unterschieden. Meine beiden damaligen Kollegen waren genau wie ich der Meinung, dass eine derartige Rechnungssumme nicht plausibel ist. Trotzdem haben wir alle schön brav den Mund gehalten – ein Betreuer hackt dem anderen schließlich kein Auge aus. Das so oft zitierte Wohl des Betreuten blieb das, was es in Wahrheit ist – eine leere Floskel. Und nebenbei bemerkt: einen positiven Eindruck, auf den einige Kollegen ja so immensen Wert legen, macht solche Arbeitspraxis mit Sicherheit auf niemanden.

Warum ich jetzt nach so langer Zeit darüber schreibe? Weil ich inzwischen so meine Erfahrungen gemacht habe, mit Betreuern vom Schlage derer, deren gesamtes Denken um die Gewinnmaximierung kreist und denen dabei jedes Mittel recht ist, ihr Handeln zu verteidigen. Und nicht zu vergessen all diejenigen, die nicht müde werden, genau diesen Betreuern mit ganzer Kraft den Rücken zu stärken.

Und mit so einem Kollegen habe ich heute gesprochen. Auf meine Frage, ob man nicht zumindest einen Hauch von schlechten Gewissen haben sollte, wenn man solchen Arbeitspraktiken tatenlos zusieht, bekam ich dann prompt eine denkwürdige Antwort:

„Betreute haben die Möglichkeit, sich bei Gericht zu beschweren und da die Angelegenheit dann überprüft wird, sind sie auch nicht rechtlos“.

Auweia – es bleibt wirklich nur zu hoffen, dass so eine Einstellung nicht Schule macht, denn dies wäre gleichbedeutend mit einem Freibrief für muntere Phantasierechnungen. Mit dem dumpfen Hinweis auf die Möglichkeit der Beschwerde und der Überprüfung wäre dann jeder Handwerker, Zahnarzt, Steuerberater und wer-auch-immer dazu berechtigt, seine Rechnungen ein wenig aufzustocken. Selbst wenn man außer Acht lässt, dass viele Betreute gar nicht mehr in der Lage sind, sich zu beschweren und die Gerichte auch so schon überlastet sind und eben auch diese Arbeitspraxis zu der Umstellung auf eine Pauschalierung geführt hat – wie kann man allen Ernstes grünes Licht geben für den Missbrauch einer Vertrauensstellung?

Aber egal wie viele begründete Bedenken es gegen so eine fragwürdige Einstellung auch geben mag – man wird sie alle einzig und allein darauf zurückführen, dass diejenigen, die diese Bedenken äußern, sich moralisch überhöhen wollen (oder wie besagter Kollege es gern ausdrückt: „beweihräuchern)“. Und last und least kommt dann mit absoluter Sicherheit das Totschlagargument: jeder hat doch schon mal irgendwo geschummelt! Jeder ist schon mal schwarzgefahren, jeder hat schon mal bei der Steuererklärung gemogelt, in der Pubertät eine Telefonzelle demoliert oder ein paar Stunden schwarz nebenbei gearbeitet. Warum also aufregen?

Ich kann so einen Unsinn nur damit entschuldigen, dass es sich irgendwie um einen verspäteten Aprilscherz handeln muss...

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