Sonntag, 2. Juni 2013, 01:15h

Meine Betreuten VII: Ein viel zu früher Abschied

behrens

Heute rief mich meine frühere Mitarbeiterin an und sagte mir, dass einer meiner ehemaligen Betreuten gestern in seiner Wohnung tot aufgefunden wurde. Herr M. war erst 38 Jahre alt.

Ich habe Herrn M. rund zehn Jahre betreut, in denen es immer auf und ab ging. Die Lebensgeschichte von Herrn M. ist von viel Leid gezeichnet, wobei es jedoch auch zu dieser Lebensgeschichte gehört, dass Herr M dem Leid immer wieder die Stirn geboten und gekämpft hat.

Die Mutter von Herrn M. war schon sehr früh mit der Erziehung ihres Sohnes überfordert und der Vater, der praktisch nicht präsent war, sagte Herrn M. später auch unmissverständlich, dass er kein Interesse an ihm hat. So kam es, dass Herr M. schon früh in Heime und später in Jugendwohngruppen kam. Irgendwann nahm er dann zuerst weiche und bald darauf harte Drogen. Trotzdem versuchte er ein „ganz normales“ Leben zu führen und hatte mit seiner Freundin zwei Kinder. Aber dies endete nicht viel anders als in seiner Kindheit, die Beziehung ging in die Brüche und von den Kindern ist eines schon lange in öffentlicher Erziehung. Später stieg Herr M. von den harten Drogen auf Alkohol um. Allerdings kämpfte er immer wieder hartnäckig gegen die Alkoholsucht an.

Ich lernte Herrn M. in einer akuten Notlage kennen, denn seine Wohnung stand unmittelbar vor der Zwangsräumung, so dass ich mich sofort mit dem für die Vollstreckung zuständigen Gerichtsvollzieher in Verbindung setzte, der sich auf eine Fristverschiebung einließ und durch Glück fand ich dann eine neue Wohnung. Irgendwann wollte Herr M. dann in eine stationäre Langzeittherapieeinrichtung wechseln und so zog er dann in eine Einrichtung am Rande Hamburgs. Allerdings kam es auch hier zu Konflikten und Herr M. wollte bald wieder eigenständig in einer Wohnung leben. Ich fand nichts anderes als eine etwas dubiose Wohnung, die vom Vermieter auf Grundlage einer WG-Form vermietet wurde. Die Mitbewohner litten auch alle an psychischen Problemen und eines Tages zog ein schwer psychisch Kranker in die WG, der nach einem Streit einen Brandanschlag auf Herrn M. verübte, der sich nur durch einen Sprung aus dem Fenster retten konnte. Daraufhin war Herr M. eine Zeit lang obdachlos, was mir große Sorgen bereitete, so dass ich sehr froh war, nach einigen Monaten eine geeignete Wohnung zu finden, in der sich Herr M. nach langer Zeit auch wieder wohl fühlte. Inzwischen hatte er auch eine Beziehung und die Arbeit in einer Einrichtung für psychisch Kranke lief gut. Die Beziehung ging zwar leider vor einiger Zeit auch in die Brüche, aber Herr M. hatte dies nach Absolvierung einer stationären Therapie gut verarbeitet.

Herr M. war ein sogenannter „Borderliner“. Obwohl er ein eher friedliebender Mensch war, geriet er sehr leicht in Konflikt mit der Umwelt und verlor dadurch wiederum den inneren Halt. Vielleicht kann man dies auch umgekehrt sehen und es fehlte ihm aufgrund der völlig instabilen Beziehungen in der Kindheit an innerem Halt, was wiederum die Ursache der Konflikte mit anderen darstellte. Herr M. hatte sich zum Teil schon sehr schwere Selbstverletzungen zugefügt. Durch die Drogensucht litt Herr M. nicht nur an Hepatitis C sondern war auch HIV positiv und vor einiger Zeit wurde dann auch noch eine Diabetes festgestellt. Letztere wird wahrscheinlich auch die Ursache für den plötzlichen Tod sein, da Herr M. vermutlich seine Medikamente nicht immer regelmäßig eingenommen hat.

Es berührt mich immer sehr, wenn meine Betreuten, die ja selbst nur über ein Existenzminimum verfügen, mir etwas schenken. Herr M. hatte einen guten Freund, der ihm fast jedes Jahr einen Dänemarkurlaub spendierte und immer brachte mir Herr M. von dem Urlaub etwas mit. Als ich ihm sagte, dass ich meine Tätigkeit als Betreuerin beenden möchte, war er sehr geknickt und wollte zuerst überhaupt keine Betreuung mehr, aber als er dann erfuhr, dass meine bisherige Mitarbeiterin Betreuungen übernehmen würde, war er sofort einverstanden. Er sagte mir aber bei unserem letzten Gespräch, dass ich trotzdem weiterhin Urlaubskarten bekommen würde. Im Gegenzug sicherte ich Herrn M. die Versorgung mit Kleidung zu, denn da mein Lebensgefährte den gleichen Geschmack und auch die gleiche Figur wie Herr M. hat, hatte es schon seit längerem eingebürgert, dass Herr M. die ausrangierten Kleidungsstücke erhielt. Erst vor ein paar Tagen hat Herr M. wieder eine große Tasche Kleidung erhalten.

Herr M. war handwerklich sehr begabt und so erhielt ich zum Abschied eine schöne Blumenschale mit einem selbstgemachten Geschenk. Die Schale steht jetzt auf meinem Fensterbrett in der Küche und wenn auch einige der Frühlingsblumen mittlerweile von mir ausgetopft wurden, so befindet sich das kleine Geschenk eingebettet in die immergrünen Pflanzen noch dort – ein steinernes Herz, in das Herr M. meinen Namen eingraviert hat.

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