Montag, 18. Februar 2008, 00:20h

Kaufmännische Scheuklappen oder warum Stuart Mill und Adam Smith geirrt haben

behrens

Das Denkmodell des Sozialökonoms Mill (1806 – 1873) lautet: „Wenn jeder zu seinem Vorteil handelt, hat auch die Gemeinschaft einen Vorteil“. Und Smith (1723 – 1790) meint: „Wenn jeder Einzelne seine eigenen Interessen wahrnimmt, erfährt auch das Gesamtwohl der Volkswirtschaft die beste Förderung“.

Wenn man beide Aussagen einmal auf unsere Betreuungsarbeit bezieht, scheint es fraglich, ob es wirklich dem Allgemeinwohl dient, wenn hauptsächlich die Eigeninteressen und der eigene Vorteil im Mittelpunkt stehen. Bei so manchem Betreuer wird die Arbeit prinzipiell bestimmt durch die Frage „Wird das auch vergütet?“ Alles, was scheinbar nicht eindeutig und unmittelbar als Aufgabe eines Betreuers empfunden wird, wird hartnäckig und fast schon zwanghaft abgelehnt und ausgeklammert. Um Beispiele zu nennen:


- Betreuer, die nach der Abgabe eines Betreuten an einen Kollegen auf keinen Anruf mehr reagieren und die die manchmal irrümlich noch eingehenden Briefe einfach auf den Müll werfen.

- Betreuer, die bei der Abgabe eines Betreuten keinerlei Unterlagen übergeben und ebenfalls jede Bitte um Rückruf ignorieren.

- Betreuer, die beim Tod eines Betreuten die Bitte des Nachlaßpflegers nach dringend erforderlichen Informationen oder Urkunden ins Leere laufen lassen. Meldet sich eine Behörde beim Betreuer, um für die Durchführung der Bestattung ebenfalls noch Infos oder Urkunden zu erhalten, ergeht es denen genauso wie dem Nachlaßpfleger.

- Betreuer, die in Diskussionen den Kollegen, die sich in Bezug auf ungeklärte Kostenübernahmen Gedanken darüber machen, ob die Pflegeheime oder Pflegedienste für ihre Leistung auch Geld erhalten, lapidar entgegnen: „Das ist doch nicht unser Problem“.


Bei allen diesen Beispielen wird so verfahren wie etwa bei einer Bank, einer Versicherung oder einem Immobilienhandel, bei denen einzig und allein der Verdienst zählt. Dies allein wäre wohl auch kein Kritikpunkt, wenn es sich wirklich um Bankgeschäfte, Versicherungen und Immobilien handeln würde. Bei der Arbeit mit Menschen ist die Problematik jedoch komplexer und vor allem wird diese Arbeit nicht vorrangig von „Kunden“ bezahlt, sondern vom Staat. Der Staat hat enorme Mehrkosten, wenn Betreuer Mitarbeit verweigern. Wenn der Betreuer sich beispielsweise um die Zusendung von Gutachten an Rententräger drückt, dann müssen neue erstellt werden – dies kostet Geld. Wenn beim Tod des Betreuten die Bestattung mangels Infos des Betreuers nicht vorgenommen werden kann, dann kostet die Einlagerung des Toten ebenfalls sehr viel Geld.

Und auch Vermieter, Angehörige, oder Folgebetreuer haben Mehrkosten oder Mehrarbeit, wenn Betreuer dringend erforderliche Infos oder Unterlagen verweigern. So manche Probleme könnten auch hier schneller und kostengünstiger bearbeitet werden, wenn die entscheidenden Infos und Unterlagen übermittelt werden würden.

Eine Grundprinzip des kaufmännischen Denkens ist die völlige Ausklammerung jeglichen sozialen Kontextes. Der zu erzielende Preis bestimmt die Vorgehensweise und die Moral. Im Gegensatz hierzu muß bei sozialpädagogischen Konzepten zwangsläufig umfassender und systemischer gedacht werden. Es ist ineffektiv, nur partiell auf einen Bereich allein zu blicken, wenn dadurch ein angrenzender Bereich völlig vernachlässigt wird und dadurch erneute Probleme entstehen. Soziale Probleme kosten Geld – sehr viel Geld sogar. Man könnte in diesem Bereich erhebliche Einsparungen erreichen, wenn nicht mit kaufmännischen Scheuklappen gearbeitet werden würde, sondern kontextbezogen.

Die Problematik der Unterordnung aller Prinzipien an kaufmännische betrifft natürlich nicht allein die Betreuungsarbeit, sondern ist in vielen Bereichen anzutreffen. Interessant ist hierbei das Phänomen, daß Menschen, die sich ganz allein an kaufmännischen Prinzipien orientieren, dies grundsätzlich auch bei anderen Menschen vermuten. Menschen, die gern mal die Hilfsbereitschaft anderer (aus)nutzen, fühlen sich erstaunlicherweise extrem schnell selbst ausgenutzt und neigen hierbei zu völlig verzerrter Wahrnehmung.

Es steht außer Frage, daß jeder Betreuer ein Recht auf eine angemessene Vergütung hat. Und natürlich müssen sich Betreuer dagegen wehren, für alles und jeden in Anspruch genommen zu werden. Aber hierbei sollte die Verhältnismäßigkeit nicht außer Augen gelassen werden. Es ist abwegig und unverständlich, wenn Betreuer ihren finanziellen Ruin befürchten, nur weil ab und zu mal eine Briefmarke mehr bezahlt wird und manchmal ein zusätzliche kurzes Telefonat geführt wird.

Ich habe in der Zusammenarbeit mit Behörden, sozialen Einrichtungen und auch Einzelpersonen die Erfahrung gemacht, daß ich oftmals für einen erbrachten Dienst im Gegenzug auch Hilfestellungen erhalten habe. Und last not least habe ich als Berufsanfängerin bei dem Betreuungsverein Elbe die sehr aufschlußreiche Erfahrung gemacht, daß das einzig und allein an kaufmännischen Prinzipien orientierte Arbeiten nicht immer zu dem erwünschten Erfolg führt. Der Verein machte trotz oder gerade wegen seiner Profitorientierung bankrott!

Und jetzt zurück zu Stuart Mill und Adam Smith: beide Denker haben die menschliche Natur in ihrer Unmäßigkeit unterschätzt. Die Fixierung der eigenen Vorteile und der eigenen Interessen dienen nur in begrenztem Maß dem Antrieb der Volkswirtschaft und somit dem Gemeinwohl. Wenn Eigeninteressen übertrieben werden, kommt genau das heraus, womit wir momentan konfrontiert sind: Sozialabbau, Verschuldung und Arbeitslosigkeit.

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Freitag, 8. Februar 2008, 01:32h

Das Bonmot zum Feierabend

behrens

Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.

Kurt Tucholsky

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Samstag, 19. Januar 2008, 01:56h

Leisten Betreuer Sozialarbeit?

behrens

Leisten Betreuer Sozialarbeit?

Traditionell entspringt die Sozialarbeit der Armenfürsorge und der Heimerziehung und hat sich von jeher mit den sozial Benachteiligten und Hilfebedürftigen beschäftigt mit dem Ziel der Wiedereingliederung und der Minderung sozialer Probleme. Bei den Trägern handelte es sich häufig um kirchliche Einrichtungen die auch oftmals durch ehrenamtliche Helfer und Spenden unterstützt wurden.

Mit der Zeit hat sich Sozialarbeit zu einem festem Bestandteil staatlicher Hilfsmaßnahmen etabliert und wurde sowohl in Bezug auf Ausbildung als auch in Bezug auf die Entwicklung sozialpolitischer Erklärungsmodelle weiterentwickelt und professionalisiert. Aus der Wohlfahrt wurde ein Rechtsanspruch und Sozialarbeit nahm einen immer komplexeren und institutionalisierteren Rahmen ein. Aus der Sozialarbeit wurde eine Form praktizierter Sozialpolitik.

Trotz der enormen gesellschaftlichen Veränderungen, die zwangsläufig auch eine inhaltliche und methodische Veränderung der Sozialarbeit mit sich brachten, hat Sozialarbeit nach wie vor das primäre Ziel der Verhinderung sozialer Probleme.

Wenn man sich die Aufgaben eines Betreuers ansieht, kann man auch hier sagen, daß die Hauptaufgabe in der Hilfe bei der Bewältigung sozialer Probleme liegt, jedenfalls soweit dies die Betreuten aus sozial benachteiligten Schichten betrifft. Auch ein Betreuer hat die Aufgabe, den Betreuten bei ihren sozialen Problemen Hilfestellung zu leisten und die Inanspruchnahme sozialer Hilfen finanzieller oder personeller Art zu ermöglichen.

Die Zielsetzung bei der Betreuung entspricht also weitgehend der der Sozialarbeit. Allerdings gibt es doch einige Unterschiede bei den Rahmenbedingungen. Während das Aufgabenfeld eines „klassischen Sozialarbeiters“ meist mehr oder weniger klar umrissen ist, präsentiert sich das Aufgabenfeld eines Betreuers längst nicht so klar und läßt dem einzelnen weit mehr Spielraum. Insbesondere für Dritte scheint es oftmals unklar zu sein, welche Aufgaben von einem Betreuer verlangt werden können und welche nicht. Der Betreuer ist auch nicht in eine Institution oder ein Team eingebunden, wie z.B. ein Altenhelfer, ein Heimleiter oder ein Mitarbeiter einer Beratungsstelle. Davon abgesehen ist der berufliche Hintergrund auch längst nicht so einheitlich wie bei den traditionellen Sozialarbeitern.

Während ein Sozialarbeiter bzw. ein Sozialpädagoge in der Regel ein Fachhochschulstudium der Sozialpädagogik absolviert hat, kann ein Betreuer auch eine völlig andere Ausbildung haben, und so gibt es unter den Betreuern Anwälte, Psychologen und Menschen mit einer kaufmännischen oder pflegerischen Ausbildung.Ensprechend der Ausbildung kann dann auch die Blickrichtung eine andere sein, muß es aber nicht zwingend.

Will man die Frage „leisten Betreuer Sozialarbeit“ in einem Satz beantworten, könnte der in etwa lauten: „Die Zielsetzung der Betreuertätigkeit entspricht der Sozialarbeit, aber die Rahmenbedingungen und die Methodik nicht immer“.

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